III, q. 65 a. 3
Ob die Eucharistie das größte der Sakramente ist?
Quaestio 65 · Über die Zahl der Sakramente
Einwand 1: Es scheint, dass die Eucharistie nicht das vornehmste der Sakramente ist. Denn das Gemeinwohl ist höher zu achten als das Wohl des Einzelnen (1 Ethic. ii). Die Ehe aber ist auf das Gemeinwohl des Menschengeschlechts mittels der Zeugung hingeordnet: wohingegen das Sakrament der Eucharistie auf das private Wohl des Empfängers hingeordnet ist. Deshalb ist es nicht das größte der Sakramente.
Einwand 2: Ferner sind jene Sakramente anscheinend größer, die von einem höheren Diener gespendet werden. Die Sakramente der Firmung und der Weihe werden aber nur von einem Bischof gespendet, der ein höherer Diener ist als ein bloßer Diener wie ein Priester, von dem das Sakrament der Eucharistie gespendet wird. Deshalb sind jene Sakramente größer.
Einwand 3: Ferner sind jene Sakramente größer, die die größere Kraft haben. Einige der Sakramente prägen aber ein Merkmal [character] ein, nämlich Taufe, Firmung und Weihe; wohingegen die Eucharistie dies nicht tut. Deshalb sind jene Sakramente größer.
Einwand 4: Ferner scheint das größer zu sein, von dem andere abhängen, ohne dass es von ihnen abhängt. Die Eucharistie hängt aber von der Taufe ab: da niemand die Eucharistie empfangen kann, außer er sei getauft. Deshalb ist die Taufe größer als die Eucharistie.
Dagegen spricht: Dionysius sagt (Eccl. Hier. iii), dass „niemand die hierarchische Vollendung empfängt außer durch die gottähnlichste Eucharistie“. Deshalb ist dieses Sakrament größer als alle anderen und vollendet sie.
Ich antworte darauf: Schlechthin gesprochen ist das Sakrament der Eucharistie das größte aller Sakramente: und dies kann auf drei Weisen gezeigt werden. Erstens, weil es Christus selbst substanzhaft enthält: wohingegen die anderen Sakramente eine gewisse instrumentale Kraft enthalten, die ein Anteil an der Kraft Christi ist, wie wir oben gezeigt haben (Frage [62], Artikel [4], ad 3, Artikel [5]). Nun ist das, was dem Wesen nach so beschaffen ist, immer höher zu achten als das, was durch Teilhabe so beschaffen ist.
Zweitens wird dies deutlich, wenn man die Beziehung der Sakramente zueinander betrachtet. Denn alle anderen Sakramente scheinen auf dieses eine wie auf ihr Ziel hingeordnet zu sein. Denn es ist offenkundig, dass das Sakrament der Weihe auf die Konsekration der Eucharistie hingeordnet ist: und das Sakrament der Taufe auf den Empfang der Eucharistie: während ein Mensch durch die Firmung vervollkommnet wird, um sich nicht zu fürchten, sich dieses Sakraments zu enthalten. Durch Buße und Letzte Ölung wird der Mensch vorbereitet, den Leib Christi würdig zu empfangen. Und die Ehe berührt dieses Sakrament zumindest in ihrer Bedeutung; insofern sie die Vereinigung Christi mit der Kirche bezeichnet, von welcher Vereinigung die Eucharistie ein Abbild ist: daher sagt der Apostel (Eph 5,32): „Dies ist ein großes Sakrament: ich rede aber im Hinblick auf Christus und die Kirche.“
Drittens wird dies deutlich, wenn man die Riten der Sakramente betrachtet. Denn fast alle Sakramente münden in die Eucharistie, wie Dionysius sagt (Eccl. Hier. iii): so empfangen jene, die geweiht wurden, die Heilige Kommunion, ebenso wie jene, die getauft wurden, wenn sie Erwachsene sind.
Die übrigen Sakramente können auf verschiedene Weisen miteinander verglichen werden. Denn aufgrund der Notwendigkeit ist die Taufe das größte der Sakramente; während unter dem Gesichtspunkt der Vollkommenheit die Weihe zuerst kommt; während die Firmung einen mittleren Platz einnimmt. Die Sakramente der Buße und der Letzten Ölung stehen auf einer Stufe unter den oben genannten; weil sie, wie oben dargelegt (Artikel [2]), nicht direkt auf das christliche Leben hingeordnet sind, sondern gleichsam akzidentell, das heißt, als Heilmittel gegen hinzukommende Mängel. Und unter diesen wird die Letzte Ölung mit der Buße verglichen wie die Firmung mit der Taufe; in der Weise, dass die Buße notwendiger ist, wohingegen die Letzte Ölung vollkommener ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Ehe ist auf das Gemeinwohl in Bezug auf den Körper hingeordnet. Aber das gemeinsame geistliche Gut der ganzen Kirche ist substanzhaft im Sakrament der Eucharistie selbst enthalten.
Antwort auf Einwand 2: Durch Weihe und Firmung werden die Gläubigen Christi zu gewissen besonderen Aufgaben abgeordnet; und dies kann allein durch den Fürsten geschehen. Folglich gehört die Spendung dieser Sakramente ausschließlich einem Bischof, der gleichsam ein Fürst in der Kirche ist. Aber ein Mensch wird durch das Sakrament der Eucharistie nicht zu irgendeiner Aufgabe abgeordnet, vielmehr ist dieses Sakrament das Ziel aller Aufgaben, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Das sakramentale Prägemal [character] ist, wie oben dargelegt (Frage [63], Artikel [3]), eine Art Teilhabe am Priestertum Christi. Weshalb das Sakrament, das den Menschen mit Christus selbst vereint, größer ist als ein Sakrament, das das Prägemal Christi einprägt.
Antwort auf Einwand 4: Dieses Argument geht vom Grund der Notwendigkeit aus. Denn so ist die Taufe, da sie von größter Notwendigkeit ist, das größte der Sakramente, so wie Weihe und Firmung eine gewisse Vorzüglichkeit haben, wenn man ihre Spendung betrachtet; und die Ehe aufgrund ihrer Bedeutung. Denn es gibt keinen Grund, warum ein Ding nicht unter einem gewissen Gesichtspunkt größer sein sollte, das nicht schlechthin größer ist.