III, q. 65 a. 2
Ob die oben angegebene Ordnung der Sakramente angemessen ist?
Quaestio 65 · Über die Zahl der Sakramente
Einwand 1: Es scheint, dass die oben angegebene Ordnung der Sakramente unangemessen ist. Denn gemäß dem Apostel (1 Kor 15,46) ist „das zuerst ..., was natürlich ist, danach das, was geistlich ist“. Der Mensch wird aber durch die Ehe durch eine erste und natürliche Zeugung gezeugt; während er in der Taufe wie durch eine zweite und geistliche Zeugung wiedergeboren wird. Deshalb sollte die Ehe der Taufe vorausgehen.
Einwand 2: Ferner empfängt der Mensch durch das Sakrament der Weihe die Vollmacht des Handelnden in sakramentalen Handlungen. Der Handelnde geht aber seiner Handlung voraus. Deshalb sollte die Weihe der Taufe und den anderen Sakramenten vorausgehen.
Einwand 3: Ferner ist die Eucharistie eine geistliche Speise; während die Firmung mit dem Wachstum verglichen wird. Speise aber bewirkt Wachstum und geht ihm folglich voraus. Deshalb geht die Eucharistie der Firmung voraus.
Einwand 4: Ferner bereitet die Buße den Menschen auf die Eucharistie vor. Eine Disposition geht aber der Vollendung voraus. Deshalb sollte die Buße der Eucharistie vorausgehen.
Einwand 5: Ferner kommt das, was dem letzten Ziel näher ist, nach anderen Dingen. Von allen Sakramenten ist aber die Letzte Ölung dem letzten Ziel, welches die Glückseligkeit ist, am nächsten. Deshalb sollte sie unter den Sakramenten an letzter Stelle stehen.
Dagegen spricht: Die oben angegebene Ordnung der Sakramente wird allgemein von allen angenommen.
Ich antworte darauf: Der Grund für die Ordnung unter den Sakramenten ergibt sich aus dem, was oben gesagt wurde (Artikel [1]). Denn so wie die Einheit der Vielheit vorausgeht, so gehen jene Sakramente, die für die Vervollkommnung des Einzelnen bestimmt sind, von Natur aus jenen voraus, die für die Vervollkommnung der Vielheit bestimmt sind; und folglich wird der letzte Platz unter den Sakramenten der Weihe und der Ehe gegeben, die für die Vervollkommnung der Vielheit bestimmt sind: wobei die Ehe nach der Weihe platziert wird, weil sie weniger Anteil an der Natur des geistlichen Lebens hat, auf welches die Sakramente hingeordnet sind. Überdies kommen unter den Dingen, die zur Vervollkommnung des Einzelnen hingeordnet sind, jene von Natur aus zuerst, die direkt auf die Vervollkommnung des geistlichen Lebens hingeordnet sind, und danach jene, die indirekt darauf hingeordnet sind, nämlich durch die Beseitigung einer hinzukommenden akzidentellen Schadensursache; solche sind die Buße und die Letzte Ölung: wobei von diesen die Letzte Ölung von Natur aus zuletzt platziert wird, denn sie bewahrt die Heilung, die durch die Buße begonnen wurde.
Von den verbleibenden drei ist es klar, dass die Taufe, die eine geistliche Wiedergeburt ist, zuerst kommt; dann die Firmung, die auf die formale Vollkommenheit der Kraft hingeordnet ist; und nach diesen die Eucharistie, die auf die endgültige Vollkommenheit hingeordnet ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Ehe ist, insofern sie auf das natürliche Leben hingeordnet ist, eine Funktion der Natur. Aber insofern sie etwas Geistliches hat, ist sie ein Sakrament. Und weil sie das geringste Maß an Geistlichkeit besitzt, wird sie zuletzt platziert.
Antwort auf Einwand 2: Damit ein Ding ein Handelndes sei, muss es zuallererst in sich selbst vollkommen sein. Weshalb jene Sakramente, durch die ein Mensch in sich selbst vervollkommnet wird, vor das Sakrament der Weihe gestellt werden, in welchem ein Mensch zu einem Vervollkommner anderer gemacht wird.
Antwort auf Einwand 3: Nahrung geht dem Wachstum sowohl voraus, als seine Ursache; und folgt ihm, indem sie die Vollkommenheit der Größe und Kraft im Menschen erhält. Folglich kann die Eucharistie vor die Firmung gestellt werden, wie Dionysius sie platziert (Eccl. Hier. iii, iv), und kann nach ihr gestellt werden, wie der Magister es tut (iv, 2,8).
Antwort auf Einwand 4: Dieses Argument wäre stichhaltig, wenn die Buße notwendigerweise als Vorbereitung auf die Eucharistie erforderlich wäre. Dies ist aber nicht wahr: denn wenn jemand ohne Todsünde ist, bedarf er der Buße nicht, um die Eucharistie zu empfangen. So ist es klar, dass die Buße eine akzidentelle Vorbereitung auf die Eucharistie ist, das heißt, unter der Voraussetzung der Sünde. Weshalb im letzten Kapitel des zweiten Buches der Paralipomenon geschrieben steht (vgl. 2 Chr 33,18): „Du, o Herr der Gerechten, hast den Gerechten keine Buße auferlegt.“ [*Die zitierten Worte stammen aus dem apokryphen Gebet des Manasse, das vor dem Konzil von Trient in einigen lateinischen Bibelausgaben eingefügt zu finden war.]
Antwort auf Einwand 5: Der Letzten Ölung wird aus eben diesem Grund der letzte Platz unter jenen Sakramenten gegeben, die auf die Vervollkommnung des Einzelnen hingeordnet sind.