III, q. 5 a. 4
Ob der Sohn Gottes einen menschlichen Geist oder Verstand annahm?
Quaestio 5 · Von den angenommenen Teilen der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes keinen menschlichen Geist oder Verstand annahm. Denn wo ein Ding anwesend ist, wird sein Bild nicht benötigt. Aber der Mensch ist zum Bilde Gottes geschaffen, hinsichtlich seines Geistes, wie Augustinus sagt (De Trin. xiv, 3,6). Da also in Christus die Anwesenheit des göttlichen Wortes selbst war, bestand keine Notwendigkeit für einen menschlichen Geist.
Einwand 2: Ferner verdunkelt das größere Licht das geringere. Aber das Wort Gottes, welches „das Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“, wie in Joh 1,9 geschrieben steht, verhält sich zum Geist wie das größere Licht zum geringeren; da unser Geist ein Licht ist, gleichsam eine vom Ersten Licht entzündete Lampe (Spr 20,27): „Der Geist des Menschen ist die Lampe des Herrn.“ Also besteht in Christus, der das Wort Gottes ist, keine Notwendigkeit für einen menschlichen Geist.
Einwand 3: Ferner wird die Annahme der menschlichen Natur durch das Wort Gottes seine Menschwerdung genannt. Aber der Intellekt oder menschliche Geist ist nichts Fleischliches, weder in seiner Substanz noch in seinem Akt, denn er ist nicht der Akt eines Körpers, wie in De Anima iii, 6 bewiesen wird. Daher scheint es, dass der Sohn Gottes keinen menschlichen Geist annahm.
Dagegen spricht, was Augustinus [*Fulgentius] sagt (De Fide ad Petrum xiv): „Halte fest und zweifle keineswegs, dass Christus, der Sohn Gottes, wahres Fleisch und eine vernünftige Seele derselben Art wie die unsrige hat, da er von seinem Fleisch sagt (Lk 24,39): ‚Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.‘ Und er beweist, dass er eine Seele hat, indem er sagt (Joh 10,17): ‚Ich gebe meine Seele [Vulg.: ‚mein Leben‘] hin, damit ich sie wiedernehme.‘ Und er beweist, dass er einen Intellekt hat, indem er sagt (Mt 11,29): ‚Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.‘ Und Gott sagt von ihm durch den Propheten (Jes 52,13): ‚Siehe, mein Knecht wird einsichtig sein.‘“
Ich antworte darauf, Wie Augustinus sagt (De Haeres. 49,50), „dachten die Apollinaristen anders als die katholische Kirche über die Seele Christi, indem sie mit den Arianern sagten, dass Christus allein Fleisch annahm, ohne eine Seele; und als sie in diesem Punkt durch das Zeugnis des Evangeliums überwunden wurden, gingen sie dazu über zu sagen, dass der Seele Christi der Geist fehlte, dass aber das Wort dessen Stelle einnahm.“ Aber diese Position wird durch dieselben Argumente widerlegt wie die vorhergehende. Erstens, weil sie der evangelischen Geschichte widerspricht, die berichtet, wie er sich wunderte (wie aus Mt 8,10 hervorgeht). Nun kann Verwunderung nicht ohne Vernunft sein, da sie den Vergleich von Wirkung und Ursache impliziert, d.h. insofern wir, wenn wir eine Wirkung sehen und ihre Ursache nicht kennen, danach streben, sie zu erkennen, wie in Metaph. i, 2 gesagt wird. Zweitens ist es unvereinbar mit dem Zweck der Menschwerdung, welcher die Rechtfertigung des Menschen von der Sünde ist. Denn die menschliche Seele ist der Sünde oder der rechtfertigenden Gnade nicht fähig außer durch den Geist. Daher war es besonders notwendig, dass der Geist angenommen wurde. Daher sagt Damascener (De Fide Orth. iii, 6), dass „das Wort Gottes einen Leib und eine intellektive und rationale Seele annahm“, und fügt danach hinzu: „Das Ganze wurde mit dem Ganzen vereinigt, damit er mir das Heil gänzlich gewähre; denn was nicht angenommen wurde, ist nicht heilbar.“ Drittens ist es gegen die Wahrheit der Menschwerdung. Denn da der Leib der Seele zugeordnet ist wie die Materie ihrer eigenen Form, ist es nicht wahrhaft menschliches Fleisch, wenn es nicht durch eine menschliche, d.h. eine vernünftige Seele vervollkommnet wird. Und daher, wenn Christus eine Seele ohne Geist gehabt hätte, hätte er kein wahres menschliches Fleisch gehabt, sondern irrationales Fleisch, da sich unsere Seele von einer tierischen Seele allein durch den Geist unterscheidet. Daher sagt Augustinus (Qq. lxxxiii, qu. 80), dass aus diesem Irrtum gefolgt wäre, dass der Sohn Gottes „ein Tier mit der Gestalt eines menschlichen Leibes annahm“, was wiederum gegen die göttliche Wahrheit ist, die keine fiktive Unwahrheit dulden kann.
Antwort auf Einwand 1: Wo ein Ding durch seine Anwesenheit ist, wird sein Bild nicht benötigt, um die Stelle des Dinges zu vertreten, wie dort, wo der Kaiser ist, die Soldaten seinem Bild nicht huldigen. Doch wird das Bild eines Dinges zusammen mit seiner Anwesenheit benötigt, damit es durch die Anwesenheit des Dinges vervollkommnet werde, so wie das Bild im Wachs durch den Abdruck des Siegels vervollkommnet wird, und wie das Bild des Menschen im Spiegel durch seine Anwesenheit reflektiert wird. Daher war es zur Vervollkommnung des menschlichen Geistes notwendig, dass das Wort ihn mit sich vereinigte.
Antwort auf Einwand 2: Das größere Licht verdunkelt das geringere Licht eines anderen leuchtenden Körpers; aber es verdunkelt nicht, sondern vervollkommnet vielmehr das Licht des beleuchteten Körpers – bei der Anwesenheit der Sonne wird das Licht der Sterne ausgelöscht, aber das Licht der Luft wird vervollkommnet. Nun ist der Intellekt oder Geist des Menschen gleichsam ein Licht, das vom Licht des göttlichen Wortes entzündet wird; und daher wird der Geist des Menschen durch die Anwesenheit des Wortes eher vervollkommnet als überschattet.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die intellektive Kraft nicht der Akt eines Körpers ist, erfordert dennoch das Wesen der menschlichen Seele, welche die Form des Körpers ist, dass sie edler sei, damit sie die Kraft des Verstehens habe; und daher ist es notwendig, dass ihr ein besser disponierter Körper entspreche.