III, q. 5 a. 2
Ob der Sohn Gottes einen fleischlichen oder irdischen Leib annehmen musste?
Quaestio 5 · Von den angenommenen Teilen der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass Christus keinen fleischlichen oder irdischen, sondern einen himmlischen Leib hatte. Denn der Apostel sagt (1 Kor 15,41): „Der erste Mensch war von der Erde, irdisch; der zweite Mensch vom Himmel, himmlisch.“ Aber der erste Mensch, d.h. Adam, war von der Erde hinsichtlich seines Leibes, wie aus Gen 1 hervorgeht. Also war der zweite Mensch, d.h. Christus, vom Himmel hinsichtlich des Leibes.
Einwand 2: Ferner heißt es (1 Kor 15,50): „Fleisch und Blut werden [Vulg.: ‚können‘] das Reich Gottes nicht besitzen.“ Aber das Reich Gottes ist vornehmlich in Christus. Also gibt es in ihm kein Fleisch oder Blut, sondern vielmehr einen himmlischen Leib.
Einwand 3: Ferner ist das, was das Beste ist, Gott zuzuschreiben. Aber von allen Leibern ist ein himmlischer Leib der beste. Also ziemte es sich für Christus, einen solchen Leib anzunehmen.
Dagegen spricht, was unser Herr sagt (Lk 24,39): „Ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.“ Nun sind Fleisch und Knochen nicht aus der Materie himmlischer Körper, sondern aus den niederen Elementen zusammengesetzt. Also war der Leib Christi kein himmlischer, sondern ein fleischlicher und irdischer Leib.
Ich antworte darauf, Mit denselben Gründen, die bewiesen haben, dass der Leib Christi kein imaginärer war, kann auch gezeigt werden, dass er kein himmlischer Leib war. Erstens, weil ebenso wie die Wahrheit der menschlichen Natur Christi nicht gewahrt geblieben wäre, wenn sein Leib ein imaginärer gewesen wäre, wie Manes annahm, so wäre sie auch nicht gewahrt geblieben, wenn wir annähmen, wie Valentin es tat, dass es ein himmlischer Leib war. Denn da die Form des Menschen ein natürliches Ding ist, erfordert sie eine bestimmte Materie, nämlich Fleisch und Knochen, die in die Definition des Menschen aufgenommen werden müssen, wie aus dem Philosophen hervorgeht (Metaph. vii, 39). Zweitens, weil dies die Wahrheit dessen verringern würde, was Christus im Leibe tat. Denn da ein himmlischer Leib leidensunfähig und unvergänglich ist, wie in De Coel. i, 20 bewiesen wird, hätte der Sohn Gottes, wenn er einen himmlischen Leib angenommen hätte, nicht wahrhaft gehungert oder gedurstet, noch hätte er sein Leiden und seinen Tod erlitten. Drittens hätte dies der Wahrhaftigkeit Gottes Abbruch getan. Denn da der Sohn Gottes sich den Menschen zeigte, als ob er einen fleischlichen und irdischen Leib hätte, wäre die Offenbarung falsch gewesen, hätte er einen himmlischen Leib gehabt. Daher heißt es (De Eccles. Dogm. ii): „Der Sohn Gottes wurde geboren, indem er Fleisch vom Leibe der Jungfrau annahm und es nicht vom Himmel mitbrachte.“
Antwort auf Einwand 1: Von Christus wird auf zweifache Weise gesagt, er sei vom Himmel herabgestiegen. Erstens hinsichtlich seiner göttlichen Natur; nicht zwar, dass die göttliche Natur aufhörte, im Himmel zu sein, sondern insofern er begann, auf neue Weise hier unten zu sein, nämlich durch seine angenommene Natur, gemäß Joh 3,13: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn, der im Himmel ist.“
Zweitens hinsichtlich seines Leibes, nicht zwar, dass die Substanz des Leibes Christi selbst vom Himmel herabstieg, sondern dass sein Leib durch eine himmlische Kraft gebildet wurde, d.h. durch den Heiligen Geist. Daher sagt Augustinus, indem er die zitierte Stelle erklärt (Ad Orosium [*Dial. Qq. lxv, qu. 4, Werk eines unbekannten Autors]): „Ich nenne Christus einen himmlischen Menschen, weil er nicht aus menschlichem Samen empfangen wurde.“ Und Hilarius legt es auf dieselbe Weise aus (De Trin. x).
Antwort auf Einwand 2: Fleisch und Blut werden hier nicht für die Substanz von Fleisch und Blut genommen, sondern für die Verderbnis des Fleisches, die in Christus nicht war, insofern sie sündhaft war; wohl aber, insofern sie eine Strafe war; so war sie für eine Zeit in Christus, damit er das Werk unserer Erlösung vollbringe.
Antwort auf Einwand 3: Es gehört zur größten Herrlichkeit Gottes, einen schwachen und irdischen Leib zu solcher Erhabenheit erhoben zu haben. Daher lesen wir im Allgemeinen Konzil von Ephesus (P. II, Act. I) den Ausspruch des hl. Theophilus: „So wie die besten Handwerker nicht bloß dafür geschätzt werden, dass sie ihr Können an kostbaren Materialien zeigen, sondern sehr oft, weil sie durch die Verwendung der ärmsten ... und gewöhnlichsten Erde die Kraft ihrer Kunst zeigen; so kam der beste aller Handwerker, das Wort Gottes, nicht zu uns herab, indem er einen himmlischen Leib aus irgendeinem kostbarsten Stoff annahm, sondern er zeigte die Größe seiner Kunst im Lehm.“