III, q. 45 a. 1
Ob es angemessen war, dass Christus verklärt wurde?
Quaestio 45 · Von der Verklärung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht angemessen war, dass Christus verklärt wurde. Denn es ziemt sich nicht für einen wahren Leib, in verschiedene Gestalten [figuras] verwandelt zu werden, sondern nur für einen scheinbaren Leib. Nun war aber der Leib Christi kein scheinbarer, sondern ein wirklicher, wie oben dargelegt wurde (Q. [5], Art. [1]). Daher scheint es, dass er nicht hätte verklärt werden sollen.
Einwand 2: Ferner gehört die Gestalt zur vierten Art der Qualität, die Klarheit hingegen zur dritten, da sie eine sinnfällige Qualität ist. Daher sollte das Annehmen der Klarheit durch Christus nicht Verklärung (Transfiguration) genannt werden.
Einwand 3: Ferner besitzt ein verherrlichter Leib vier Gaben, wie wir später darlegen werden (XP, Q. [82]), nämlich Leidensunfähigkeit, Behendigkeit, Feinheit und Klarheit. Daher hätte seine Verklärung nicht eher in der Annahme der Klarheit bestehen sollen als in der der anderen Gaben.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 17,2), Jesus sei in Gegenwart von dreien seiner Jünger „verklärt worden“.
Ich antworte darauf, Unser Herr hatte, nachdem er seinen Jüngern sein Leiden vorhergesagt hatte, sie ermahnt, dem Pfad seiner Leiden zu folgen (Mt 16,21.24). Damit nun jemand geradewegs einen Weg gehen kann, muss er eine gewisse Kenntnis des Ziels haben: So wird ein Bogenschütze den Pfeil nicht gerade schießen, wenn er nicht zuvor das Ziel sieht. Daher sagte Thomas (Joh 14,5): „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; und wie können wir den Weg wissen?“ Dies ist vor allem dann notwendig, wenn der Weg hart und rau ist, das Gehen beschwerlich, das Ende aber erfreulich. Nun erlangte Christus durch sein Leiden die Herrlichkeit, nicht nur seiner Seele, die er vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an besaß, sondern auch seines Leibes; gemäß Lukas (24,26): „Musste nicht Christus dies alles leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Zu dieser Herrlichkeit führt er jene, die den Fußspuren seines Leidens folgen, gemäß Apg 14,21: „Durch viele Trübsale müssen wir in das Reich Gottes eingehen.“ Deshalb war es angemessen, dass er seinen Jüngern die Herrlichkeit seiner Klarheit zeigte (was bedeutet, verklärt zu werden), welcher er jene gleichgestalten wird, die sein sind; gemäß Phil 3,21: „(Der) den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten wird, dass er gleichförmig werde dem Leib seiner Herrlichkeit.“ Daher sagt Beda zu Mk 8,39: „In seiner liebevollen Vorsehung erlaubte er ihnen, für eine kurze Zeit die Betrachtung der ewigen Freude zu kosten, damit sie die Verfolgung tapfer ertragen könnten.“
Antwort auf Einwand 1: Wie Hieronymus zu Mt 17,2 sagt: „Niemand soll vermuten, dass Christus“, indem gesagt wird, er sei verklärt worden, „seine natürliche Gestalt und sein Antlitz abgelegt oder einen scheinbaren oder luftartigen Leib anstelle seines wirklichen Leibes angenommen habe. Der Evangelist beschreibt die Art seiner Verklärung, wenn er sagt: ‚Sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie Schnee.‘ Der Glanz des Antlitzes und die Weiße der Kleider beweisen keine Veränderung der Substanz, sondern ein Anlegen der Herrlichkeit.“
Antwort auf Einwand 2: Die Gestalt (Figur) wird im Umriss eines Körpers gesehen, denn sie ist „das, was von einer oder mehreren Grenzen umschlossen wird“ [*Euklid, Buch I, Def. xiv]. Daher scheint alles, was mit dem Umriss eines Körpers zu tun hat, zur Gestalt zu gehören. Nun wird die Klarheit, ebenso wie die Farbe, bei einem nicht durchsichtigen Körper an seiner Oberfläche gesehen, und folglich wird die Annahme der Klarheit Verklärung (Transfiguration) genannt.
Antwort auf Einwand 3: Von jenen vier Gaben ist die Klarheit allein eine Qualität der Person selbst in sich; wohingegen die anderen drei nicht wahrnehmbar sind, außer in einer Handlung oder Bewegung oder in einem Erleiden. Christus zeigte also in sich gewisse Anzeichen jener drei Gaben – der Behendigkeit zum Beispiel, als er auf den Wogen des Meeres wandelte; der Feinheit, als er aus dem verschlossenen Schoß der Jungfrau hervorging; der Leidensunfähigkeit, als er unverletzt den Händen der Juden entkam, die ihn hinabstürzen oder steinigen wollten. Und doch wird er deswegen nicht als verklärt bezeichnet, sondern nur wegen der Klarheit, die zum Aussehen seiner Person gehört.