III, q. 42 a. 2
Ob Christus den Juden hätte predigen sollen, ohne ihnen Anstoß zu geben?
Quaestio 42 · Von der Lehre Christi
1. Einwand: Es scheint, dass Christus den Juden hätte predigen sollen, ohne ihnen Anstoß zu geben. Denn wie Augustinus sagt (De Agone Christ. xi): „Im Menschen Jesus Christus ist uns vom Sohn Gottes ein Vorbild des Lebens gegeben.“ Wir sollten aber vermeiden, nicht nur den Gläubigen, sondern auch den Ungläubigen Anstoß zu geben, gemäß 1 Kor 10,32: „Seid ohne Anstoß für die Juden wie für die Heiden und für die Kirche Gottes.“ Daher scheint es, dass Christus in seiner Lehre auch vermeiden sollte, den Juden Anstoß zu geben.
2. Einwand: Ferner sollte kein Weiser etwas tun, das den Erfolg seiner Arbeit behindert. Nun wurde seine Lehre durch die Unruhe, die sie unter den Juden hervorrief, ihres Erfolges beraubt; denn es steht geschrieben (Lk 11,53.54), dass, als unser Herr die Pharisäer und Schriftgelehrten tadelte, sie „begannen, heftig in ihn zu dringen und ihm über viele Dinge den Mund zu stopfen; sie lauerten ihm auf und suchten, etwas aus seinem Mund zu erhaschen, um ihn anzuklagen.“ Es scheint daher unpassend, dass er ihnen durch seine Lehre Anstoß gab.
3. Einwand: Ferner sagt der Apostel (1 Tim 5,1): „Einen älteren Mann tadle nicht, sondern ermahne ihn wie einen Vater.“ Die Priester und Fürsten der Juden waren aber die Ältesten jenes Volkes. Daher scheint es, dass sie nicht mit Strenge hätten getadelt werden sollen.
Dagegen spricht, dass vorhergesagt wurde (Jes 8,14), Christus werde „zu einem Stein des Anstoßes und zu einem Fels des Ärgernisses für die beiden Häuser Israels“ sein.
Ich antworte darauf, dass das Heil der Menge dem Frieden irgendwelcher Einzelner vorzuziehen ist. Wenn folglich einige durch ihre Verderbtheit das Heil der Menge behindern, sollte der Prediger und Lehrer sich nicht scheuen, diesen Menschen Anstoß zu geben, um das Heil der Menge zu sichern. Nun waren die Schriftgelehrten und Pharisäer und die Fürsten der Juden durch ihre Bosheit ein beträchtliches Hindernis für das Heil des Volkes, sowohl weil sie sich der Lehre Christi widersetzten, die der einzige Weg zum Heil war, als auch weil ihre üblen Wege die Sitten des Volkes verdarben. Aus diesem Grund lehrte unser Herr, ohne sich daran zu stören, dass sie Anstoß nahmen, öffentlich die Wahrheit, die sie hassten, und verurteilte ihre Laster. Daher lesen wir (Mt 15,12.14), dass, als die Jünger unseres Herrn sagten: „Weißt du, dass die Pharisäer Anstoß nahmen, als sie dieses Wort hörten?“, er antwortete: „Lasst sie; sie sind blind und Blindenführer; wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube.“
Antwort auf den 1. Einwand: Ein Mensch sollte so vermeiden, Anstoß zu geben, dass er weder durch falsche Tat noch durch falsches Wort Anlass zu jemandes Fall gibt. „Wenn aber aus der Wahrheit Ärgernis entsteht, so soll man lieber das Ärgernis ertragen, als die Wahrheit preiszugeben“, wie Gregor sagt (Hom. vii in Ezech.).
Antwort auf den 2. Einwand: Indem er die Schriftgelehrten und Pharisäer öffentlich tadelte, förderte Christus eher die Wirkung seiner Lehre, als dass er sie hinderte. Denn als das Volk die Laster jener Männer kennenlernte, war es weniger geneigt, sich gegen Christus einnehmen zu lassen, wenn es hörte, was von den Schriftgelehrten und Pharisäern, die seiner Lehre stets widerstanden, über ihn gesagt wurde.
Antwort auf den 3. Einwand: Dieses Wort des Apostels ist von jenen Ältesten zu verstehen, deren Jahre nicht nur an Alter und Autorität, sondern auch an Rechtschaffenheit gemessen werden; gemäß Num 11,16: „Versammle mir siebzig Männer von den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste ... des Volkes sind.“ Wenn sie aber durch offenes Sündigen die Autorität ihrer Jahre zu einem Werkzeug der Bosheit machen, sollen sie offen und streng getadelt werden, wie auch Daniel sagt (Dan 13,52): „O du, der du alt geworden bist in bösen Tagen“ usw.