III, q. 34 a. 4
Ob Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis ein vollkommener Comprehensor war?
Quaestio 34 · Von der Vollkommenheit des empfangenen Kindes
Einwand 1: Es scheint, dass Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis kein vollkommener Comprehensor [Schauender] war. Denn das Verdienst geht dem Lohn voraus, wie die Schuld der Strafe vorausgeht. Christus aber erwarb im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste, wie oben dargelegt (Artikel [3]). Da also der Zustand der Comprehension [der beseligenden Schau] der hauptsächliche Lohn ist, scheint es, dass Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis kein Comprehensor war.
Einwand 2: Ferner sagte unser Herr (Lk 24,26): „Musste nicht Christus dies erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Die Herrlichkeit gehört aber zum Zustand der Comprehension. Also war Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis, als er noch nicht gelitten hatte, nicht im Zustand der Comprehension.
Einwand 3: Ferner scheint das, was weder dem Menschen noch dem Engel zukommt, Gott eigen zu sein; und daher ziemt es Christus als Mensch nicht. Aber immer im Zustand der Seligkeit zu sein, kommt weder dem Menschen noch dem Engel zu: denn wären sie in der Seligkeit erschaffen worden, hätten sie danach nicht gesündigt. Also war Christus als Mensch im ersten Augenblick seiner Empfängnis nicht im Zustand der Seligkeit.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 64,5): „Selig ist, wen du erwählt und zu dir genommen hast“; welche Worte sich gemäß der Glosse auf die menschliche Natur Christi beziehen, die „vom Wort Gottes in die Einheit der Person aufgenommen wurde.“ Die menschliche Natur wurde aber vom Wort Gottes im ersten Augenblick seiner Empfängnis aufgenommen. Also war Christus als Mensch im ersten Augenblick seiner Empfängnis im Zustand der Seligkeit; was bedeutet, ein Comprehensor zu sein.
Ich antworte darauf, Wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Artikel [3]), war es unziemlich, dass Christus in seiner Empfängnis bloß die habituelle Gnade ohne den Akt empfing. Nun empfing er die Gnade „nicht nach Maß“ (Joh 3,34), wie oben dargelegt (Quaestio [7], Artikel [11]). Die Gnade des „Pilgers“ [Viator] aber, da sie hinter der des „Comprehensors“ zurückbleibt, ist von geringerem Maß als die des Comprehensors. Daher ist offenkundig, dass Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis nicht nur so viel Gnade empfing, wie die Comprehensoren haben, sondern auch mehr als jene, die sie alle haben. Und weil jene Gnade nicht ohne ihren Akt war, folgt daraus, dass er ein Comprehensor im Akt war, der Gott in seinem Wesen klarer schaute als andere Geschöpfe.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Quaestio [19], Artikel [3]), verdiente Christus nicht die Herrlichkeit der Seele, in Bezug auf welche er als Comprehensor bezeichnet wird, sondern die Herrlichkeit des Leibes, zu der er durch sein Leiden gelangte.
Daher ist die Antwort auf den zweiten Einwand klar.
Antwort auf Einwand 3: Da Christus sowohl Gott als auch Mensch war, hatte er, selbst in seiner Menschheit, etwas mehr als andere Geschöpfe – nämlich, dass er von allem Anfang an im Zustand der Seligkeit war.