III, q. 34 a. 3
Ob Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste erwerben konnte?
Quaestio 34 · Von der Vollkommenheit des empfangenen Kindes
Einwand 1: Es scheint, dass Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis keine Verdienste erwerben konnte. Denn der freie Wille verhält sich zum Verdienst ebenso wie zum Missverdienst. Der Teufel konnte aber im ersten Augenblick seiner Erschaffung nicht sündigen, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [63], Artikel [5]) gezeigt wurde. Also konnte auch die Seele Christi im ersten Augenblick ihrer Erschaffung – das heißt im ersten Augenblick der Empfängnis Christi – keine Verdienste erwerben.
Einwand 2: Ferner scheint das, was der Mensch im ersten Augenblick seiner Empfängnis hat, ihm natürlich zu sein: denn darin findet seine natürliche Zeugung ihren Abschluss. Wir erwerben aber keine Verdienste durch das, was uns natürlich ist, wie aus dem klar ist, was in der FS, Quaestio [109], Artikel [5] und FS, Quaestio [114], Artikel [2] gesagt wurde. Daher scheint es, dass der Gebrauch des freien Willens, den Christus als Mensch im ersten Augenblick seiner Empfängnis hatte, nicht verdienstlich war.
Einwand 3: Ferner macht sich der Mensch das, was er einmal verdient hat, in gewisser Weise zu eigen: folglich scheint es, dass er dasselbe nicht noch einmal verdienen kann: denn niemand verdient, was bereits sein ist. Wenn also Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste erwarb, folgt daraus, dass er danach nichts mehr verdiente. Dies ist aber offensichtlich unwahr. Also hat Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis keine Verdienste erworben.
Dagegen spricht, dass Augustinus [*Paterius, Expos. Vet. et Nov. Test. super Ex. 40] sagt: „Ein Zuwachs an Verdienst war der Seele Christi absolut unmöglich.“ Ein Zuwachs an Verdienst wäre aber möglich gewesen, hätte er nicht im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste erworben. Also hat Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste erworben.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [1]), wurde Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis durch die Gnade geheiligt. Nun ist die Heiligung zweifach: die der Erwachsenen, die in Anbetracht ihres eigenen Aktes geheiligt werden; und die der Kinder, die nicht in Anbetracht ihres eigenen Glaubensaktes, sondern dessen ihrer Eltern oder der Kirche geheiligt werden. Die erstere Heiligung ist vollkommener als die letztere: so wie der Akt vollkommener ist als der Habitus; und „das, was durch sich selbst ist, [vollkommener ist] als das, was durch ein anderes ist“ [*Aristoteles, Phys. viii]. Da also die Heiligung Christi die vollkommenste war, weil er so geheiligt wurde, dass er andere heiligen konnte, wurde er folglich aufgrund seiner eigenen Bewegung des freien Willens zu Gott hin geheiligt. Diese Bewegung des freien Willens ist in der Tat verdienstlich. Folglich hat Christus im ersten Augenblick seiner Empfängnis Verdienste erworben.
Antwort auf Einwand 1: Der freie Wille verhält sich nicht in gleicher Weise zum Guten wie zum Bösen: denn auf das Gute ist er von sich aus und von Natur aus bezogen; auf das Böse hingegen ist er wie auf einen Defekt und wider die Natur bezogen. Nun sagt der Philosoph (De Coelo ii, text. 18): „Das, was wider die Natur ist, ist nachgeordnet dem, was gemäß der Natur ist; weil das, was wider die Natur ist, eine Ausnahme von der Natur ist.“ Daher kann der freie Wille eines Geschöpfes im ersten Augenblick seiner Erschaffung verdienstlich zum Guten bewegt werden, nicht aber sündhaft zum Bösen; vorausgesetzt jedoch, seine Natur ist unversehrt.
Antwort auf Einwand 2: Das, was der Mensch im ersten Augenblick seiner Erschaffung im gewöhnlichen Lauf der Natur hat, ist ihm natürlich. Aber nichts hindert ein Geschöpf daran, von Gott eine Gnadengabe ganz zu Beginn seiner Erschaffung zu empfangen. Auf diese Weise empfing die Seele Christi im ersten Augenblick ihrer Erschaffung die Gnade, durch die sie Verdienste erwerben konnte. Und aus diesem Grund wird jene Gnade, im Sinne einer gewissen Ähnlichkeit, als diesem Menschen natürlich bezeichnet, wie Augustinus erklärt (Enchiridion xl).
Antwort auf Einwand 3: Nichts hindert daran, dass dasselbe Ding jemandem aus mehreren Ursachen gehört. Und so verhält es sich, dass Christus durch nachfolgende Handlungen und Leiden die Herrlichkeit der Unsterblichkeit verdienen konnte, die er auch im ersten Augenblick seiner Empfängnis verdient hatte: nicht freilich so, dass sie ihm dadurch mehr geschuldet wäre als zuvor, sondern so, dass sie ihm aus mehr Ursachen geschuldet war als zuvor.