III, q. 24 a. 3
Ob die Vorherbestimmung Christi das Urbild der unsrigen ist?
Quaestio 24 · Von der Vorherbestimmung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorherbestimmung Christi nicht das Urbild der unsrigen ist. Denn das Urbild existiert vor dem Abbild. Aber nichts existiert vor dem Ewigen. Da also unsere Vorherbestimmung ewig ist, scheint es, dass die Vorherbestimmung Christi nicht das Urbild der unsrigen ist.
Einwand 2: Ferner führt das Urbild uns zur Erkenntnis des Abbildes. Aber es war nicht nötig, dass Gott von etwas anderem zur Erkenntnis unserer Vorherbestimmung geführt wurde; da geschrieben steht (Röm 8,29): „Die er vorhererkannte, die hat er auch vorherbestimmt.“ Also ist die Vorherbestimmung Christi nicht das Urbild der unsrigen.
Einwand 3: Ferner ist das Urbild dem Abbild gleichförmig. Aber die Vorherbestimmung Christi scheint von anderer Natur zu sein als die unsrige: weil wir zur Kindschaft der Adoption vorherbestimmt sind, wohingegen Christus als „Sohn Gottes in Kraft“ vorherbestimmt war, wie geschrieben steht (Röm 1,4). Also ist seine Vorherbestimmung nicht das Urbild der unsrigen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Praedest. Sanct. xv): „Der Erlöser selbst, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, ist das hellste Licht der Vorherbestimmung und Gnade.“ Nun wird er das Licht der Vorherbestimmung und Gnade genannt, insofern unsere Vorherbestimmung durch seine Vorherbestimmung und Gnade offenbar gemacht wird; und dies scheint zur Natur eines Urbildes zu gehören. Also ist die Vorherbestimmung Christi das Urbild der unsrigen.
Ich antworte darauf, dass die Vorherbestimmung auf zwei Arten betrachtet werden kann. Erstens aufseiten des Aktes der Vorherbestimmung: und so kann die Vorherbestimmung Christi nicht als das Urbild der unsrigen bezeichnet werden: denn auf dieselbe Weise und durch denselben ewigen Akt hat Gott uns und Christus vorherbestimmt.
Zweitens kann die Vorherbestimmung aufseiten dessen betrachtet werden, wozu jemand vorherbestimmt ist, und dies ist das Ziel und die Wirkung der Vorherbestimmung. In diesem Sinne ist die Vorherbestimmung Christi das Urbild der unsrigen, und zwar auf zwei Arten. Erstens hinsichtlich des Gutes, zu dem wir vorherbestimmt sind: denn er war vorherbestimmt, der natürliche Sohn Gottes zu sein, wohingegen wir zur Adoption der Söhne vorherbestimmt sind, welche eine teilhabende Ähnlichkeit der natürlichen Sohnschaft ist. Daher steht geschrieben (Röm 8,29): „Die er vorhererkannte, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden.“ Zweitens hinsichtlich der Art und Weise, dieses Gut zu erlangen – das heißt, durch Gnade. Dies ist in Christus am offenkundigsten; weil die menschliche Natur in ihm ohne irgendwelche vorausgehenden Verdienste mit dem Sohn Gottes vereinigt wurde: und von der Fülle seiner Gnade haben wir alle empfangen, wie geschrieben steht (Joh 1,16).
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet den vorgenannten Akt des Vorherbestimmers.
Dasselbe gilt für den zweiten Einwand.
Antwort auf Einwand 3: Das Abbild muss dem Urbild nicht in jeder Hinsicht gleichförmig sein: es genügt, dass es ihm in einigem nachahmt.