III, q. 24 a. 1
Ob es Christus zukommt, vorherbestimmt zu sein?
Quaestio 24 · Von der Vorherbestimmung Christi
Einwand 1: Es scheint unpassend, dass Christus vorherbestimmt sei. Denn das Ziel der Vorherbestimmung eines jeden scheint die Kindschaftsadoption zu sein, gemäß Eph 1,5: „Der uns vorherbestimmt hat zur Kindschaftsadoption.“ Aber Christus kommt es nicht zu, ein adoptierter Sohn zu sein, wie oben dargelegt wurde (Frage [23], Artikel [4]). Also ist es nicht passend, dass Christus vorherbestimmt sei.
Einwand 2: Ferner können wir an Christus zweierlei betrachten: seine menschliche Natur und seine Person. Aber man kann nicht sagen, dass Christus aufgrund seiner menschlichen Natur vorherbestimmt sei; denn dieser Satz ist falsch: „Die menschliche Natur ist Sohn Gottes.“ Ebenso wenig aufgrund der Person; denn diese Person ist der Sohn Gottes, nicht durch Gnade, sondern von Natur aus: Die Vorherbestimmung aber bezieht sich auf das, was aus Gnade ist, wie im Ersten Teil (Frage [23], Artikel [2] und 5) dargelegt wurde. Also wurde Christus nicht dazu vorherbestimmt, der Sohn Gottes zu sein.
Einwand 3: Ferner, wie das, was gemacht wurde, nicht immer war, so auch das, was vorherbestimmt wurde; da die Vorherbestimmung ein gewisses Vorausgehen impliziert. Da aber Christus immer Gott und der Sohn Gottes war, kann man nicht sagen, dass jener Mensch „zum Sohn Gottes gemacht wurde“. Aus dem gleichen Grund dürfen wir also nicht sagen, dass Christus „zum Sohn Gottes vorherbestimmt wurde“.
Dagegen spricht, dass der Apostel von Christus sagt (Röm 1,4): „Der vorherbestimmt ist als Sohn Gottes in Kraft.“
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem im Ersten Teil (Frage [23], Artikel [1] und 2) Gesagten klar ist, die Vorherbestimmung im eigentlichen Sinne eine gewisse göttliche Vorherordnung von Ewigkeit her ist für jene Dinge, die in der Zeit durch die Gnade Gottes geschehen sollen. Dass nun ein Mensch Gott ist und dass Gott Mensch ist, ist etwas, das in der Zeit durch Gott mittels der Gnade der Einigung geschehen ist. Auch kann man nicht sagen, Gott habe nicht von Ewigkeit her vorhergeordnet, dies in der Zeit zu tun: denn daraus würde folgen, dass etwas neu in den göttlichen Sinn käme. Und wir müssen notwendigerweise zugeben, dass die Einigung der Naturen in der Person Christi selbst unter die ewige Vorherbestimmung Gottes fällt. Aus diesem Grund sagen wir, dass Christus vorherbestimmt war.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel spricht dort von jener Vorherbestimmung, durch die wir zu adoptierten Söhnen vorherbestimmt sind. Und so wie Christus auf einzigartige Weise über allen anderen der natürliche Sohn Gottes ist, so ist er auf einzigartige Weise vorherbestimmt.
Antwort auf Einwand 2: Wie eine Glosse [*Von St. Augustinus, De Praed. Sanct. xv] zu Röm 1,4 sagt, verstanden einige jene Vorherbestimmung in Bezug auf die Natur und nicht auf die Person – das heißt, dass der menschlichen Natur die Gnade verliehen wurde, mit dem Sohn Gottes in der Einheit der Person vereinigt zu werden.
Aber in diesem Fall wäre der Ausdruck des Apostels ungenau, und zwar aus zwei Gründen. Erstens aus einem allgemeinen Grund: Denn wir sprechen nicht davon, dass die Natur einer Person vorherbestimmt wird, sondern ihre Person, da vorherbestimmt zu sein bedeutet, auf das Heil ausgerichtet zu sein, was einem Suppositum zukommt, das auf das Ziel der Seligkeit hinwirkt. Zweitens aus einem besonderen Grund: Weil es der menschlichen Natur nicht zukommt, Sohn Gottes zu sein; denn dieser Satz ist falsch: „Die menschliche Natur ist der Sohn Gottes“: es sei denn, man würde eine Auslegung erzwingen wie: „Der vorherbestimmt war als Sohn Gottes in Kraft“ – das heißt: „Es war vorherbestimmt, dass die menschliche Natur mit dem Sohn Gottes in der Person vereinigt werden sollte.“
Daher müssen wir die Vorherbestimmung der Person Christi zuschreiben: nicht zwar in sich selbst oder als in der göttlichen Natur subsistierend, sondern als in der menschlichen Natur subsistierend. Deshalb fügte der Apostel, nachdem er gesagt hatte: „Der ihm gemacht ist aus dem Samen Davids dem Fleische nach“, hinzu: „Der vorherbestimmt ist als Sohn Gottes in Kraft“: um uns verstehen zu geben, dass er in Hinsicht darauf, dass er aus dem Samen Davids dem Fleische nach ist, als Sohn Gottes in Kraft vorherbestimmt war. Denn obwohl es jener Person, in sich selbst betrachtet, natürlich ist, der Sohn Gottes in Kraft zu sein, so ist dies ihr doch nicht natürlich, in der menschlichen Natur betrachtet, in welcher Hinsicht es ihr gemäß der Gnade der Einigung zukommt.
Antwort auf Einwand 3: Origenes sagt in seinem Kommentar zu Röm 1,4, dass die wahre Lesart dieser Stelle des Apostels lautet: „Der dazu bestimmt war, der Sohn Gottes in Kraft zu sein“; so dass kein Vorausgehen impliziert wird. Und so gäbe es keine Schwierigkeit. Andere beziehen das im Partizip „vorherbestimmt“ implizierte Vorausgehen nicht auf die Tatsache, Sohn Gottes zu sein, sondern auf dessen Offenbarung, gemäß der gewöhnlichen Redeweise der Heiligen Schrift, nach der Dinge als geschehen bezeichnet werden, wenn sie bekannt gemacht werden; so dass der Sinn wäre: „Christus war vorherbestimmt, als Sohn Gottes bekannt gemacht zu werden.“ Aber dies ist eine ungenaue Bedeutung von Vorherbestimmung. Denn eine Person wird im eigentlichen Sinne als vorherbestimmt bezeichnet aufgrund ihrer Ausrichtung auf das Ziel der Seligkeit: die Seligkeit Christi aber hängt nicht von unserer Kenntnis derselben ab.
Es ist daher besser zu sagen, dass das im Partizip „vorherbestimmt“ implizierte Vorausgehen auf die Person zu beziehen ist, nicht in sich selbst, sondern aufgrund der menschlichen Natur: denn obwohl jene Person von Ewigkeit her der Sohn Gottes war, war es nicht immer wahr, dass einer, der in der menschlichen Natur subsistiert, der Sohn Gottes war. Daher sagt Augustinus (De Praedest. Sanct. xv): „Jesus war vorherbestimmt, so dass er, der dem Fleische nach der Sohn Davids sein sollte, dennoch Sohn Gottes in Kraft sei.“
Überdies muss beachtet werden, dass, obwohl das Partizip „vorherbestimmt“, ebenso wie dieses Partizip „gemacht“, ein Vorausgehen impliziert, dennoch ein Unterschied besteht. Denn „gemacht zu werden“ bezieht sich auf das Ding in sich selbst: wohingegen „vorherbestimmt zu werden“ jemandem zukommt, als seiender in der Auffassung dessen, der vorherordnet. Nun kann das, was in der Realität das Subjekt einer Form oder Natur ist, entweder als unter jener Form stehend oder absolut aufgefasst werden. Und da man von der Person Christi nicht absolut sagen kann, dass sie begann, der Sohn Gottes zu sein, dies ihr aber zukommt, wie sie als in der menschlichen Natur existierend verstanden oder aufgefasst wird – weil es zu einer Zeit begann, wahr zu sein, dass einer, der in der menschlichen Natur existiert, der Sohn Gottes war –, deshalb ist dieser Satz: „Christus war vorherbestimmt als Sohn Gottes“ wahrer als dieser: „Christus wurde zum Sohn Gottes gemacht.“