III, q. 23 a. 1
Ob es Gott geziemt, Söhne zu adoptieren?
Quaestio 23 · Von der Adoption, ob sie Christus zukommt
Einwand 1: Es scheint, dass es Gott nicht geziemt, Söhne zu adoptieren. Denn wie die Juristen sagen, adoptiert niemand jemanden als Sohn, außer einen Fremden. Aber niemand ist ein Fremder in Bezug auf Gott, der der Schöpfer aller ist. Daher scheint es unpassend, dass Gott adoptiert.
Einwand 2: Ferner scheint die Adoption dort eingeführt worden zu sein, wo die natürliche Sohnschaft fehlt. In Gott aber gibt es natürliche Sohnschaft, wie im ersten Teil, Frage [27], Artikel [2] dargelegt wurde. Daher ist es unpassend, dass Gott adoptiert.
Einwand 3: Ferner ist der Zweck der Adoption, dass der Adoptierte dem Adoptierenden als Erbe nachfolgt. Es scheint aber nicht möglich, dass jemand Gott als Erbe nachfolgt, da Er niemals sterben kann. Daher ist es unpassend, dass Gott adoptiert.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Eph 1,5): „Er hat uns vorherbestimmt zur Adoption als Kinder Gottes.“ Die Vorherbestimmung Gottes ist aber nicht wirkungslos. Also adoptiert Gott einige als seine Söhne.
Ich antworte darauf, dass ein Mensch jemanden als seinen Sohn adoptiert, insofern er ihn aus Güte als Erben seines Vermögens zulässt. Gott nun ist unendlich gut: weshalb Er seine Geschöpfe zur Teilhabe an den Gütern zulässt; besonders die vernunftbegabten Geschöpfe, die, insofern sie nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, der göttlichen Seligkeit fähig sind. Und diese besteht im Genuss Gottes, durch den auch Gott selbst glückselig und reich in sich selbst ist – das heißt, im Genuss seiner selbst. Nun ist das Erbe eines Menschen das, was ihn reich macht. Deshalb wird gesagt, dass Gott die Menschen adoptiert, insofern Er sie aus seiner Güte zum Erbe der Seligkeit zulässt. Überdies übertrifft die göttliche die menschliche Adoption, insofern Gott durch die Verleihung seiner Gnade den Menschen, den Er adoptiert, würdig macht, das himmlische Erbe zu empfangen; wohingegen der Mensch denjenigen, den er adoptiert, nicht würdig macht, sondern vielmehr bei der Adoption jemanden auswählt, der bereits würdig ist.
Antwort auf Einwand 1: Seiner Natur nach betrachtet ist der Mensch kein Fremder in Bezug auf Gott hinsichtlich der ihm verliehenen natürlichen Gaben: wohl aber hinsichtlich der Gaben der Gnade und der Herrlichkeit; in Bezug auf diese wird er adoptiert.
Antwort auf Einwand 2: Der Mensch arbeitet, um seinen Mangel zu beheben: nicht so Gott, der wirkt, um anderen die Fülle seiner Vollkommenheit mitzuteilen. Deshalb wird, wie durch das Werk der Schöpfung die göttliche Güte allen Geschöpfen in einer gewissen Ähnlichkeit mitgeteilt wird, so durch das Werk der Adoption die Ähnlichkeit der natürlichen Sohnschaft den Menschen mitgeteilt, gemäß Röm 8,29: „Die er vorhererkannte... dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein.“
Antwort auf Einwand 3: Geistige Güter können von vielen gleichzeitig besessen werden; nicht so materielle Güter. Deshalb kann niemand ein materielles Erbe empfangen, außer als Nachfolger eines Verstorbenen: wohingegen alle das geistige Erbe gleichzeitig in seiner Gesamtheit empfangen, ohne Nachteil für den ewig lebenden Vater.
Doch könnte man sagen, dass Gott aufhört zu sein, insofern Er durch den Glauben in uns ist, um durch die Schau in uns zu sein, wie eine Glosse zu Röm 8,17 sagt: „Wenn aber Söhne, dann auch Erben.“