III, q. 19 a. 1
Ob in Christus nur eine Tätigkeit der Gottheit und der Menschheit ist?
Quaestio 19 · Von der Einheit der Tätigkeit Christi
Einwand 1: Es scheint, dass in Christus nur eine Tätigkeit der Gottheit und der Menschheit ist. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. ii): „Die liebreichste Tätigkeit Gottes wird uns dadurch offenbart, dass das überwesentliche Wort das Fleisch vollständig und wahrhaft angenommen hat und alles gewirkt und erlitten hat, was seiner menschlichen und göttlichen Tätigkeit zukommt.“ Er erwähnt hier aber nur eine menschliche und göttliche Tätigkeit, was im Griechischen {theandrike}, d.h. gottmenschlich, geschrieben steht. Daher scheint es, dass in Christus nur eine zusammengesetzte Tätigkeit ist.
Einwand 2: Ferner gibt es nur eine Tätigkeit des Haupt- und des Werkzeugwirkenden. Nun war die menschliche Natur in Christus das Werkzeug der göttlichen, wie oben gesagt wurde (Frage [7], Artikel [1], zu 3; Frage [8], Artikel [1], zu 1; Frage [18], Artikel [1], zu 2). Daher sind die Tätigkeiten der göttlichen und der menschlichen Natur in Christus dieselben.
Einwand 3: Ferner, da in Christus zwei Naturen in einer Hypostase oder Person sind, ist alles, was zur Hypostase oder Person gehört, ein und dasselbe. Die Tätigkeit aber gehört zur Hypostase oder Person, denn nur ein subsistierendes Suppositum ist tätig; daher gehören gemäß dem Philosophen (Metaph. i, 1) die Taten den Einzeldingen an. Daher gibt es in Christus nur eine Tätigkeit der Gottheit und der Menschheit.
Einwand 4: Ferner, wie das Sein zur subsistierenden Hypostase gehört, so auch die Tätigkeit. Aber aufgrund der Einheit der Hypostase gibt es nur ein Sein in Christus (Frage [17], Artikel [2]). Daher gibt es aufgrund derselben Einheit nur eine Tätigkeit in Christus.
Einwand 5: Ferner, wo ein Gewirktes ist, da ist eine Tätigkeit. Aber dasselbe wurde von der Gottheit und der Menschheit gewirkt, wie die Heilung der Aussätzigen oder die Auferweckung der Toten. Daher scheint es, dass in Christus nur eine Tätigkeit der Gottheit und der Menschheit ist.
Dagegen spricht, dass Ambrosius sagt (De Fide ii, 8): „Wie kann dieselbe Tätigkeit aus verschiedenen Vermögen entspringen? Kann das Geringere wirken wie das Größere? Und kann es eine Tätigkeit geben, wo verschiedene Substanzen sind?“
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt wurde (Frage [18], Artikel [1]), nahmen die vorgenannten Häretiker, die einen Willen in Christus setzten, auch eine Tätigkeit in Christus an. Um nun ihre irrige Meinung besser zu verstehen, müssen wir bedenken, dass überall dort, wo mehrere Wirkende aufeinander hingeordnet sind, das Untergeordnete vom Übergeordneten bewegt wird, wie im Menschen der Körper von der Seele und die niederen Kräfte von der Vernunft bewegt werden. Und so sind die Handlungen und Bewegungen des untergeordneten Prinzips eher Gewirktes als Tätigkeiten. Was aber zum höchsten Prinzip gehört, ist eigentlich die Tätigkeit; so sagen wir vom Menschen, dass das Gehen, welches den Füßen zukommt, und das Berühren, welches der Hand zukommt, vom Menschen Gewirktes sind – wovon das eine von der Seele durch die Füße, das andere durch die Hände gewirkt wird. Und weil es dieselbe Seele ist, die in beiden Fällen wirkt, gibt es nur eine indifferente Tätigkeit seitens des Wirkenden, welches das erste bewegende Prinzip ist; aber ein Unterschied findet sich aufseiten dessen, was gewirkt wird. Wie nun in einem bloßen Menschen der Körper von der Seele bewegt wird und das Sinnliche vom vernünftigen Begehren, so wird im Herrn Jesus Christus die menschliche Natur von der göttlichen bewegt und regiert. Daher sagten sie, dass es eine indifferente Tätigkeit aufseiten der wirkenden Gottheit gebe, aber Verschiedenes, das gewirkt wurde, insofern die Gottheit Christi eines durch sich selbst tat, wie alle Dinge durch das Wort seiner Macht zu erhalten – und ein anderes durch seine menschliche Natur, wie körperlich zu gehen. Daher zitiert das sechste Konzil [*Drittes Konzil von Konstantinopel, Akt. 10] die Worte des Häretikers Severus, der sagte: „Was von dem einen Christus getan und gewirkt wurde, unterscheidet sich sehr; denn einiges ziemt Gott, und einiges ist menschlich, wie körperlich auf der Erde zu gehen zwar menschlich ist, aber kranken Gliedern, die gänzlich unfähig sind, auf dem Boden zu gehen, gesunde Schritte zu geben, Gott ziemt. Doch einer, d.h. das fleischgewordene Wort, wirkte das eine und das andere – weder war dies aus einer Natur und jenes aus einer anderen; noch können wir zu Recht behaupten, dass, weil es verschiedene gewirkte Dinge gibt, es deshalb zwei wirkende Naturen und Formen gibt.“
Hierin aber wurden sie getäuscht, denn was von einem anderen bewegt wird, hat eine zweifache Handlung – eine, die es von seiner eigenen Form hat – die andere, die es hat, insofern es von einem anderen bewegt wird; so ist die Tätigkeit einer Axt aus sich selbst das Spalten; aber insofern sie vom Handwerker bewegt wird, ist ihre Tätigkeit, Bänke zu machen. Daher ist die Tätigkeit, die einem Ding durch seine Form zukommt, ihm eigen, noch kommt sie dem Beweger zu, außer insofern er sich dieser Art von Ding für sein Werk bedient: so ist das Erhitzen die eigene Tätigkeit des Feuers, aber nicht eines Schmiedes, außer insofern er sich des Feuers zum Erhitzen des Eisens bedient. Aber die Tätigkeit, die dem Ding zukommt, wie es von einem anderen bewegt wird, ist nicht verschieden von der Tätigkeit des Bewegers; so ist das Herstellen einer Bank nicht das Werk der Axt unabhängig vom Handwerker. Daher müssen, wo immer der Beweger und das Bewegte verschiedene Formen oder operative Vermögen haben, die Tätigkeit des Bewegers und die eigene Tätigkeit des Bewegten verschieden sein; obwohl das Bewegte an der Tätigkeit des Bewegers teilhat und der Beweger sich der Tätigkeit des Bewegten bedient und folglich jedes in Gemeinschaft mit dem anderen handelt.
Deshalb hat in Christus die menschliche Natur ihre eigene Form und Kraft, wodurch sie handelt; und so auch die göttliche. Daher hat die menschliche Natur ihre eigene Tätigkeit, verschieden von der göttlichen, und umgekehrt. Dennoch bedient sich die göttliche Natur der Tätigkeit der menschlichen Natur wie der Tätigkeit ihres Werkzeugs; und in gleicher Weise hat die menschliche Natur Anteil an der Tätigkeit der göttlichen Natur, wie ein Werkzeug an der Tätigkeit des Hauptwirkenden Anteil hat. Und das ist es, was Papst Leo sagt (Ep. ad Flavian. xxviii): „Beide Formen“ (d.h. sowohl die göttliche als auch die menschliche Natur in Christus) „tun in Gemeinschaft mit der anderen das, was jeder eigen ist, d.h. das Wort wirkt, was dem Wort gehört, und das Fleisch führt aus, was dem Fleisch gehört.“
Wenn es aber nur eine Tätigkeit der Gottheit und der Menschheit in Christus gäbe, müsste man entweder sagen, dass die menschliche Natur nicht ihre eigene Form und Kraft hätte (denn dies könnte unmöglich von der göttlichen gesagt werden), woraus folgen würde, dass in Christus nur die göttliche Tätigkeit wäre; oder es müsste gesagt werden, dass aus der göttlichen und menschlichen Kraft eine einzige Kraft gemacht wurde. Beides ist nun unmöglich. Denn durch das erste wird die menschliche Natur in Christus als unvollkommen angenommen; und durch das zweite wird eine Vermischung der Naturen angenommen. Daher hat das sechste Konzil (Akt. 18) diese Meinung zu Recht verurteilt und wie folgt dekretiert: „Wir bekennen zwei natürliche, unteilbare, unverwandelbare, unvermischte und untrennbare Tätigkeiten in demselben Herrn Jesus Christus, unserem wahren Gott“; d.h. die göttliche Tätigkeit und die menschliche Tätigkeit.
Antwort auf Einwand 1: Dionysius setzt in Christus eine theandrische, d.h. eine gottmenschliche oder göttlich-menschliche Tätigkeit, nicht durch irgendeine Vermischung der Tätigkeiten oder Kräfte beider Naturen, sondern insofern seine göttliche Tätigkeit die menschliche gebraucht und seine menschliche Tätigkeit an der Kraft der göttlichen teilhat. Daher sagt er in einem gewissen Brief (Ad Caium iv): „Was des Menschen ist, wirkt Er über den Menschen hinaus; und dies zeigt sich dadurch, dass die Jungfrau übernatürlich empfängt und das instabile Wasser das Gewicht körperlicher Füße trägt.“ Nun ist es klar, dass gezeugt zu werden zur menschlichen Natur gehört, und ebenso zu gehen; doch beides war in Christus übernatürlich. So wirkte Er auch göttliche Dinge menschlich, wie als Er den Aussätzigen mit einer Berührung heilte. Daher fügt er im selben Brief hinzu: „Er vollbrachte göttliche Werke nicht wie Gott es tut, und menschliche Werke nicht wie ein Mensch es tut, sondern, da Gott Mensch geworden war, durch eine neue Tätigkeit von Gott und Mensch.“
Dass er aber zwei Tätigkeiten in Christus verstand, eine der göttlichen und die andere der menschlichen Natur, ist klar aus dem, was er sagt (Div. Nom. ii): „Was immer zu seiner menschlichen Tätigkeit gehört, daran haben der Vater und der Heilige Geist keinerlei Anteil, außer, wie man sagen könnte, durch ihren gnädigsten und barmherzigsten Willen“, d.h. insofern der Vater und der Heilige Geist in ihrer Barmherzigkeit wollten, dass Christus menschliche Dinge tue und erleide. Und er fügt hinzu: „Er ist wahrhaft der unveränderliche Gott und Gottes Wort durch die erhabene und unaussprechliche Tätigkeit Gottes, welche Er, für uns Mensch geworden, wirkte.“ Daher ist klar, dass die menschliche Tätigkeit, an der der Vater und der Heilige Geist keinen Anteil haben, außer durch ihre barmherzige Zustimmung, verschieden ist von seiner Tätigkeit als Wort Gottes, woran der Vater und der Heilige Geist teilhaben.
Antwort auf Einwand 2: Vom Werkzeug wird gesagt, dass es handelt, indem es vom Hauptwirkenden bewegt wird; und doch kann es daneben seine eigene Tätigkeit durch seine eigene Form haben, wie oben vom Feuer gesagt wurde. Und daher ist die Handlung des Werkzeugs als Werkzeug nicht verschieden von der Handlung des Hauptwirkenden; doch kann es eine andere Tätigkeit haben, insofern es ein Ding ist. Daher ist die Tätigkeit der menschlichen Natur Christi als Werkzeug der Gottheit nicht verschieden von der Tätigkeit der Gottheit; denn das Heil, womit die Menschheit Christi uns rettet, und das, womit seine Gottheit uns rettet, sind nicht verschieden; dennoch hat die menschliche Natur in Christus, insofern sie eine gewisse Natur ist, eine eigene Tätigkeit, die von der göttlichen verschieden ist, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Tätig zu sein gehört einer subsistierenden Hypostase; jedoch in Übereinstimmung mit der Form und Natur, von der die Tätigkeit ihre Spezies empfängt. Daher entspringen aus der Verschiedenheit der Formen oder Naturen die verschiedenen Spezies der Tätigkeiten, aber aus der Einheit der Hypostase entspringt die numerische Einheit hinsichtlich der Tätigkeit der Spezies: so hat das Feuer zwei spezifisch verschiedene Tätigkeiten, nämlich zu leuchten und zu wärmen, aus dem Unterschied von Licht und Hitze, und doch ist das Leuchten des Feuers, das zur gleichen Zeit leuchtet, der Zahl nach eins. So gibt es gleichermaßen in Christus notwendigerweise zwei spezifisch verschiedene Tätigkeiten aufgrund seiner zwei Naturen; dennoch ist jede der Tätigkeiten zur gleichen Zeit der Zahl nach eins, wie ein Gehender und ein Heilender.
Antwort auf Einwand 4: Sein und Tätigkeit gehören der Person aufgrund der Natur; doch auf verschiedene Weise. Denn das Sein gehört zur eigentlichen Konstitution der Person, und in dieser Hinsicht hat es den Charakter eines Endpunktes; folglich erfordert die Einheit der Person die Einheit des vollständigen und personalen Seins. Aber die Tätigkeit ist eine Wirkung der Person aufgrund einer Form oder Natur. Daher ist die Vielheit der Tätigkeiten nicht unvereinbar mit der personalen Einheit.
Antwort auf Einwand 5: Das eigene Werk der göttlichen Tätigkeit ist verschieden vom eigenen Werk der menschlichen Tätigkeit. So ist das Heilen eines Aussätzigen ein eigenes Werk der göttlichen Tätigkeit, aber ihn zu berühren ist das eigene Werk der menschlichen Tätigkeit. Nun kommen beide Tätigkeiten in einem Werk zusammen, insofern eine Natur in Gemeinschaft mit der anderen handelt.