III, q. 19 a. 4
Ob Christus für andere verdienen konnte?
Quaestio 19 · Von der Einheit der Tätigkeit Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht für andere verdienen konnte. Denn es steht geschrieben (Ez 18,4): „Die Seele, die sündigt, die soll sterben.“ Daher soll aus gleichem Grund die Seele, die verdient, belohnt werden. Deshalb ist es nicht möglich, dass Christus für andere verdiente.
Einwand 2: Ferner empfangen wir alle von der Fülle der Gnade Christi, wie geschrieben steht in Joh 1,16. Nun können andere Menschen, die Christi Gnade haben, nicht für andere verdienen. Denn es steht geschrieben (Ez 14,20), dass wenn „Noach und Daniel und Ijob in der Stadt [Vulg.: 'in ihrer Mitte'] wären ... sie weder Sohn noch Tochter retten würden; sondern sie würden nur ihre eigenen Seelen durch ihre Gerechtigkeit retten.“ Daher konnte Christus nichts für uns verdienen.
Einwand 3: Ferner ist der „Lohn“, den wir verdienen, „nach Schuldigkeit [Vulg.: 'Schuld'] und nicht nach Gnade“ geschuldet, wie aus Röm 4,4 klar ist. Wenn also Christus unser Heil verdiente, folgt daraus, dass unser Heil nicht aus Gottes Gnade ist, sondern aus Gerechtigkeit, und dass Er ungerecht an denen handelt, die Er nicht rettet, da das Verdienst Christi sich auf alle erstreckt.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Röm 5,18): „Wie es durch die Übertretung des einen für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch die Gerechtigkeit des einen für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.“ Aber Adams Demeriten reichten zur Verdammnis anderer. Viel mehr also reicht das Verdienst Christi zu anderen.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt wurde (Frage [8], Artikel [1],5), war die Gnade in Christus nicht bloß wie in einem Individuum, sondern auch wie im Haupt der ganzen Kirche, mit Dem alle vereint sind wie Glieder mit einem Haupt, die eine mystische Person bilden. Und daher kommt es, dass sich Christi Verdienst auf andere erstreckt, insofern sie seine Glieder sind; so wie in einem Menschen die Handlung des Hauptes in gewisser Weise alle seine Glieder erreicht, da es nicht bloß für sich allein wahrnimmt, sondern für alle Glieder.
Antwort auf Einwand 1: Die Sünde eines Individuums schadet ihm allein; aber die Sünde Adams, der von Gott zum Prinzip der ganzen Natur bestimmt war, wird durch fleischliche Fortpflanzung auf andere übertragen. So erstreckt sich auch das Verdienst Christi, Der von Gott zum Haupt aller Menschen in Bezug auf die Gnade bestimmt wurde, auf alle seine Glieder.
Antwort auf Einwand 2: Andere empfangen von Christi Fülle nicht zwar den Quell der Gnade, sondern eine bestimmte Teilgnade. Und daher muss es nicht sein, dass Menschen für andere verdienen, wie Christus es tat.
Antwort auf Einwand 3: Wie die Sünde Adams andere nur durch fleischliche Zeugung erreicht, so erreicht auch das Verdienst Christi andere nur durch geistliche Wiedergeburt, die in der Taufe stattfindet; worin wir Christus eingegliedert werden, gemäß Gal 3,27: „So viele von euch auf Christus getauft sind, haben Christus angezogen“; und es ist aus Gnade, dass dem Menschen gewährt wird, Christus eingegliedert zu werden. Und so ist das Heil des Menschen aus Gnade.