III, q. 13 a. 2
Ob die Seele Christi Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe besaß?
Quaestio 13 · Von der Macht der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe besaß. Denn Er selbst sagt (Mt 28,18): „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ Nun sind mit den Worten „Himmel und Erde“ alle Geschöpfe gemeint, wie aus Gen 1,1 hervorgeht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Daher scheint es, dass die Seele Christi Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe besaß.
Einwand 2: Ferner ist die Seele Christi das vollkommenste aller Geschöpfe. Aber jedes Geschöpf kann von einem anderen Geschöpf bewegt werden; denn Augustinus sagt (De Trin. iii, 4), dass „so wie die dichteren und niederen Körper in fester Weise von den feineren und stärkeren Körpern regiert werden, so werden alle Körper vom Geist des Lebens regiert, und der unvernünftige Geist des Lebens vom vernünftigen Geist des Lebens, und der abtrünnige und sündige vernünftige Geist des Lebens vom vernünftigen, treuen und gerechten Geist des Lebens.“ Aber die Seele Christi bewegt sogar die höchsten Geister, indem sie sie erleuchtet, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. vii). Daher scheint es, dass die Seele Christi Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe besitzt.
Einwand 3: Ferner besaß die Seele Christi im höchsten Grad die „Gnade der Wunder“ oder Machttaten. Aber jede Verwandlung des Geschöpfes kann zur Gnade der Wunder gehören; da sogar die Himmelskörper wunderbarerweise von ihrem Lauf geändert wurden, wie Dionysius beweist (Ep. ad Polycarp). Daher besaß die Seele Christi Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe.
Dagegen spricht, dass es Demjenigen zukommt, die Geschöpfe zu verwandeln, Der sie erhält. Dies aber kommt Gott allein zu, gemäß Hebr 1,3: „Er trägt das All durch sein machtvolles Wort.“ Daher besitzt Gott allein Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe. Folglich kommt dies der Seele Christi nicht zu.
Ich antworte darauf, dass hier zwei Unterscheidungen notwendig sind. Die erste betrifft die Verwandlung der Geschöpfe, welche dreifach ist. Die erste ist natürlich, indem sie vom eigenen Handelnden auf natürliche Weise bewirkt wird; die zweite ist wunderbar, indem sie von einem übernatürlichen Handelnden über die gewohnte Ordnung und den Lauf der Natur hinaus bewirkt wird, wie das Auferwecken der Toten; die dritte ist insofern, als jedes Geschöpf ins Nichts zurückgeführt werden kann.
Die zweite Unterscheidung hat mit der Seele Christi zu tun, welche auf zwei Arten betrachtet werden kann: erstens in ihrer eigenen Natur und mit ihrer Kraft der Natur oder der Gnade; zweitens, insofern sie das Werkzeug des Wortes Gottes ist, das persönlich mit Ihm vereint ist. Wenn wir also von der Seele Christi in ihrer eigenen Natur und mit ihrer Kraft der Natur oder der Gnade sprechen, hatte sie die Macht, jene Wirkungen hervorzurufen, die einer Seele eigentümlich sind (z. B. den Körper zu beherrschen und menschliche Handlungen zu lenken, und auch, durch die Fülle der Gnade und des Wissens alle vernünftigen Geschöpfe zu erleuchten, die hinter ihrer Vollkommenheit zurückbleiben), in einer Weise, die einem vernünftigen Geschöpf ziemt. Wenn wir aber von der Seele Christi sprechen, insofern sie das Werkzeug des mit Ihm vereinten Wortes ist, hatte sie eine instrumentelle Macht, alle wunderbaren Verwandlungen zu bewirken, die auf das Ziel der Menschwerdung hingeordnet sind, welches ist, „alles wiederherzustellen, was im Himmel und auf Erden ist“ [*Eph 1,10]. Aber die Verwandlung der Geschöpfe, insofern sie ins Nichts zurückgeführt werden können, entspricht ihrer Erschaffung, durch die sie aus dem Nichts hervorgebracht wurden. Und daher, so wie Gott allein erschaffen kann, so kann auch Er allein Geschöpfe ins Nichts zurückführen, und Er allein erhält sie im Sein, damit sie nicht ins Nichts zurückfallen. Und so muss gesagt werden, dass die Seele Christi keine Allmacht in Bezug auf die Verwandlung der Geschöpfe besaß.
Antwort auf Einwand 1: Wie Hieronymus sagt (zu dem zitierten Text): „Macht ist Ihm gegeben“, d. h. Christus als Mensch, „Der kurz zuvor gekreuzigt, im Grab bestattet wurde und danach wieder auferstand.“ Aber Macht wird als Ihm gegeben bezeichnet aufgrund der Einigung, durch die es bewirkt wurde, dass ein Mensch allmächtig war, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], ad 1). Und obwohl dies den Engeln vor der Auferstehung bekannt gemacht wurde, so wurde es doch nach der Auferstehung allen Menschen bekannt gemacht, wie Remigius sagt (vgl. Catena Aurea). Nun „sagt man, dass Dinge geschehen, wenn sie bekannt gemacht werden“ [*Hugo von St. Viktor: Qq. in Ep. ad Philip.]. Daher sagt unser Herr nach der Auferstehung, „dass alle Macht Ihm gegeben ist im Himmel und auf Erden“.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl jedes Geschöpf durch irgendein anderes Geschöpf veränderbar ist, ausgenommen freilich der höchste Engel (und selbst dieser kann von der Seele Christi erleuchtet werden), so kann doch nicht jede Verwandlung, die an einem Geschöpf vorgenommen werden kann, durch ein Geschöpf vorgenommen werden; da einige Verwandlungen nur von Gott allein vorgenommen werden können. Doch alle Verwandlungen, die an Geschöpfen vorgenommen werden können, können von der Seele Christi als Werkzeug des Wortes vorgenommen werden, aber nicht in ihrer eigenen Natur und Kraft, da einige dieser Verwandlungen der Seele weder in der Ordnung der Natur noch in der Ordnung der Gnade zukommen.
Antwort auf Einwand 3: Wie im zweiten Teil der Summa (SS, Quaestio [178], Artikel [1], ad 1) gesagt wurde, wird die Gnade der Machttaten oder Wunder der Seele eines Heiligen gegeben, so dass diese Wunder nicht durch seine eigene, sondern durch göttliche Macht gewirkt werden. Nun wurde diese Gnade der Seele Christi in vorzüglichster Weise verliehen, d. h. nicht nur, damit Er Wunder wirken konnte, sondern auch, damit Er diese Gnade anderen mitteilen konnte. Daher steht geschrieben (Mt 10,1), dass Er, „nachdem Er seine zwölf Jünger zusammengerufen hatte, ihnen Macht über die unreinen Geister gab, sie auszutreiben und jede Art von Krankheit und jede Art von Gebrechen zu heilen.“