III, q. 13 a. 1
Ob die Seele Christi Allmacht besaß?
Quaestio 13 · Von der Macht der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi Allmacht besaß. Denn Ambrosius sagt [*Glossa ordinaria] zu Lk 1,32: „Die Macht, welche der Sohn Gottes von Natur aus hatte, sollte der Mensch in der Zeit empfangen.“ Dies scheint sich nun vornehmlich auf die Seele zu beziehen, da sie der vornehmste Teil des Menschen ist. Da also der Sohn Gottes von Ewigkeit her Allmacht besaß, scheint es, dass die Seele Christi die Allmacht in der Zeit empfing.
Einwand 2: Ferner ist das Wissen Gottes ebenso unendlich wie seine Macht. Die Seele Christi aber besaß in gewisser Weise das Wissen von allem, was Gott weiß, wie oben gesagt wurde (Quaestio [10], Artikel [2]). Daher hatte Er alle Macht; und so war Er allmächtig.
Einwand 3: Ferner besitzt die Seele Christi alles Wissen. Nun ist Wissen entweder praktisch oder spekulativ. Daher hat Er ein praktisches Wissen von dem, was Er weiß, d. h. Er wusste, wie man das tut, was Er weiß; und so scheint es, dass Er alle Dinge tun kann.
Dagegen spricht, dass das, was Gott eigentümlich ist, keinem Geschöpf zukommen kann. Gott aber ist es eigentümlich, allmächtig zu sein, gemäß Ex 15,2.3: „Er ist mein Gott, und ich will Ihn verherrlichen“, und weiter: „Allmächtig ist sein Name.“ Daher besitzt die Seele Christi, da sie ein Geschöpf ist, keine Allmacht.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Quaestio [2], Artikel [1]; Quaestio [10], Artikel [1]), im Geheimnis der Menschwerdung die Einigung in der Person so stattfand, dass dennoch die Unterscheidung der Naturen blieb, wobei jede Natur behielt, was ihr eigentümlich war. Nun folgt das aktive Prinzip eines Dinges seiner Form, welche das Prinzip des Handelns ist. Die Form aber ist entweder die Natur des Dinges selbst, wie bei den einfachen Dingen; oder sie ist das, was die Natur des Dinges konstituiert, wie bei jenen, die aus Materie und Form zusammengesetzt sind.
Und auf diese Weise fließt die Allmacht sozusagen aus der göttlichen Natur. Denn da die göttliche Natur das unumschriebene Sein Gottes selbst ist, wie aus Dionysius (Div. Nom. v) hervorgeht, hat sie eine aktive Macht über alles, was die Natur des Seins haben kann; und dies bedeutet, Allmacht zu haben; so wie jedes andere Ding eine aktive Macht über solche Dinge hat, auf die sich die Vollkommenheit seiner Natur erstreckt; wie das Heiße Hitze gibt. Da also die Seele Christi ein Teil der menschlichen Natur ist, kann sie unmöglich Allmacht besitzen.
Antwort auf Einwand 1: Durch die Einigung mit der Person empfängt der Mensch in der Zeit die Allmacht, welche der Sohn Gottes von Ewigkeit her hatte; das Ergebnis dieser Einigung ist, dass, wie der Mensch Gott genannt wird, er auch allmächtig genannt wird; nicht dass die Allmacht des Menschen (ebenso wenig wie seine Gottheit) von der des Sohnes Gottes verschieden wäre, sondern weil es eine Person von Gott und Mensch ist.
Antwort auf Einwand 2: Einigen zufolge stehen Wissen und aktive Macht nicht im gleichen Verhältnis; denn eine aktive Macht fließt aus der Natur des Dinges selbst, insofern das Handeln als vom Handelnden ausgehend betrachtet wird; Wissen aber wird nicht immer durch das Wesen oder die Form des Wissenden selbst besessen, da es durch Angleichung des Wissenden an das Gewusste mit Hilfe empfangener Spezies (Erkenntnisbilder) erlangt werden kann. Aber dieser Grund scheint nicht auszureichen, denn so wie wir durch ein von einem anderen erhaltenes Abbild verstehen können, so können wir auch durch eine von einem anderen erhaltene Form handeln, wie Wasser oder Eisen durch vom Feuer entlehnte Hitze wärmt. Daher gäbe es keinen Grund, warum die Seele Christi, da sie alle Dinge durch die ihr von Gott eingeprägten Ähnlichkeitsbilder aller Dinge erkennen kann, diese Dinge nicht durch dieselben Ähnlichkeitsbilder tun könnte.
Es muss daher ferner bedacht werden, dass das, was in der niederen Natur von der höheren empfangen wird, in einer geringeren Weise besessen wird; denn Hitze wird vom Wasser nicht in der Vollkommenheit und Stärke empfangen, die sie im Feuer hatte. Da also die Seele Christi von einer geringeren Natur ist als die göttliche Natur, werden die Ähnlichkeitsbilder der Dinge in der Seele Christi nicht in der Vollkommenheit und Stärke empfangen, die sie in der göttlichen Natur hatten. Und daher kommt es, dass das Wissen der Seele Christi geringer ist als das göttliche Wissen, was die Art des Erkennens betrifft, denn Gott erkennt (die Dinge) vollkommener als die Seele Christi; und auch was die Anzahl der gewussten Dinge betrifft, da die Seele Christi nicht alles weiß, was Gott tun kann, und diese Dinge weiß Gott durch das Wissen der einfachen Intelligenz; obwohl sie alle gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Dinge weiß, die Gott durch das Wissen der Schau weiß. So kommen auch die der Seele Christi eingegossenen Ähnlichkeitsbilder der Dinge der göttlichen Macht im Handeln nicht gleich, d. h. so, dass sie alles tun könnte, was Gott tun kann, oder in derselben Weise tun könnte, wie Gott es tut, Der mit einer unendlichen Macht handelt, deren das Geschöpf nicht fähig ist. Nun gibt es kein Ding, zu dessen Erkenntnis in irgendeiner Weise eine unendliche Macht erforderlich wäre, obwohl eine gewisse Art des Wissens zu einer unendlichen Macht gehört; doch gibt es Dinge, die nur durch eine unendliche Macht getan werden können, wie die Schöpfung und dergleichen, wie aus dem hervorgeht, was im ersten Teil (FP, Quaestio [45]) gesagt wurde. Daher kann die Seele Christi, die als Geschöpf von endlicher Macht ist, zwar alle Dinge wissen, aber nicht in jeder Weise; doch kann sie nicht alle Dinge tun, was zur Natur der Allmacht gehört; und unter anderem ist es klar, dass sie sich nicht selbst erschaffen kann.
Antwort auf Einwand 3: Die Seele Christi besitzt praktisches und spekulatives Wissen; doch ist es nicht notwendig, dass sie ein praktisches Wissen von jenen Dingen hat, von denen sie ein spekulatives Wissen hat. Denn für das spekulative Wissen genügt eine bloße Übereinstimmung oder Angleichung des Wissenden an das Gewusste; wohingegen für das praktische Wissen erforderlich ist, dass die Formen der Dinge im Intellekt operativ (wirksam) sind. Nun ist es mehr, eine Form zu haben und diese Form etwas anderem einzuprägen, als bloß die Form zu haben; so wie leuchtend zu sein und zu erleuchten mehr ist, als bloß leuchtend zu sein. Daher hat die Seele Christi ein spekulatives Wissen von der Schöpfung (denn sie kennt die Art und Weise von Gottes Schöpfung), aber sie hat kein praktisches Wissen von dieser Weise, da sie kein Wissen hat, das die Schöpfung bewirken könnte.