III, q. 12 a. 3
Ob Christus etwas von einem Menschen lernte?
Quaestio 12 · Vom erworbenen oder empirischen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus etwas von einem Menschen lernte. Denn es steht geschrieben (Lk 2,46.47), dass "sie ihn im Tempel fanden, mitten unter den Lehrern sitzend, wie er ihnen zuhörte und sie fragte." Aber Fragen zu stellen und zu antworten gehört zu einem Lernenden. Also lernte Christus etwas von einem Menschen.
Einwand 2: Ferner scheint es edler, Wissen durch die Lehre eines Menschen zu erwerben, als es von sinnlich wahrnehmbaren Dingen zu erwerben, da in der Seele des Menschen, der lehrt, die intelligiblen Spezies im Akt sind; in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen aber sind die intelligiblen Spezies nur in Potenz. Nun empfing Christus Erfahrungswissen von sinnlich wahrnehmbaren Dingen, wie oben festgestellt (Artikel [2]). Viel mehr also konnte er Wissen durch das Lernen von Menschen empfangen.
Einwand 3: Ferner, durch Erfahrungswissen wusste Christus nicht alles von Anfang an, sondern schritt darin fort, wie oben gesagt wurde (Artikel [2]). Aber jeder, der Worte hört, die etwas bedeuten, kann etwas lernen, das er nicht weiß. Also konnte Christus von Menschen etwas lernen, das er durch dieses Wissen nicht wusste.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 45,4): "Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen gegeben, zum Fürsten und Meister für die Heiden." Nun wird ein Meister nicht gelehrt, sondern lehrt. Also empfing Christus kein Wissen durch die Lehre irgendeines Menschen.
Ich antworte darauf, dass in jeder Gattung das, was der erste Beweger ist, nicht gemäß derselben Art der Bewegung bewegt wird; so wie das erste Verändernde nicht selbst verändert wird. Nun ist Christus von Gott zum Haupt der Kirche eingesetzt – ja aller Menschen, wie oben gesagt wurde (Frage [8], Artikel [3]), so dass nicht nur alle Gnade durch ihn empfangen mögen, sondern dass alle die Lehre der Wahrheit von ihm empfangen mögen. Daher sagt er selbst (Joh 18,37): "Dazu bin ich geboren und dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege." Und so ziemte es sich nicht für seine Würde, dass er von irgendeinem Menschen gelehrt würde.
Antwort auf Einwand 1: Wie Origenes sagt (Hom. xix in Luc.): "Unser Herr stellte Fragen nicht, um etwas zu lernen, sondern um durch Fragen zu lehren. Denn aus demselben Quell des Wissens kamen die Frage und die weise Antwort." Daher fährt das Evangelium fort zu sagen, dass "alle, die ihn hörten, über seine Weisheit und seine Antworten staunten."
Antwort auf Einwand 2: Wer von einem Menschen lernt, empfängt das Wissen nicht unmittelbar von den intelligiblen Spezies, die in dessen Geist sind, sondern durch sinnlich wahrnehmbare Worte, die Zeichen intelligibler Begriffe sind. Wie nun die von einem Menschen geformten Worte Zeichen seines intellektuellen Wissens sind, so sind die von Gott geformten Geschöpfe Zeichen seiner Weisheit. Daher steht geschrieben (Sir 1,10), dass Gott Weisheit "ausgegossen hat über alle seine Werke". Daher, so wie es besser ist, von Gott gelehrt zu werden als von einem Menschen, so ist es besser, unser Wissen von sinnlich wahrnehmbaren Geschöpfen zu empfangen und nicht durch die Lehre eines Menschen.
Antwort auf Einwand 3: Jesus schritt im Erfahrungswissen fort, wie im Alter, wie oben festgestellt (Artikel [2]). Wie nun ein passendes Alter erforderlich ist, damit ein Mensch Wissen durch Entdeckung erwerbe, so auch, damit er es durch Unterricht erwerbe. Aber unser Herr tat nichts, was seinem Alter unangemessen war; und daher lieh er dem Hören der Lektionen der Lehre kein Ohr, bis zu der Zeit, da er fähig war, jenen Grad des Wissens auf dem Weg der Erfahrung erreicht zu haben. Daher sagt Gregor (Sup. Ezech. Lib. i, Hom. ii): "Im zwölften Jahr seines Alters geruhte er, Menschen auf Erden zu befragen, da im Lauf der Vernunft das Wort der Lehre nicht vor dem Alter der Vollkommenheit gewährt wird."