III, q. 12 a. 1
Ob Christus durch dieses erworbene oder Erfahrungswissen alles wusste?
Quaestio 12 · Vom erworbenen oder empirischen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus durch dieses Wissen nicht alles wusste. Denn dieses Wissen wird durch Erfahrung erworben. Christus hat aber nicht alles erfahren. Also wusste er durch dieses Wissen nicht alles.
Einwand 2: Ferner erwirbt der Mensch Wissen durch die Sinne. Aber nicht alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge waren den körperlichen Sinnen Christi unterworfen. Also wusste Christus durch dieses Wissen nicht alles.
Einwand 3: Ferner hängt der Umfang des Wissens von den wissbaren Dingen ab. Wenn also Christus durch dieses Wissen alles gewusst hätte, wäre sein erworbenes Wissen seinem eingegossenen und beseligenden Wissen gleich gewesen; was nicht angemessen ist. Also wusste Christus durch dieses Wissen nicht alles.
Dagegen spricht, dass nichts Unvollkommenes in der Seele Christi war. Nun wäre dieses sein Wissen unvollkommen gewesen, wenn er dadurch nicht alles gewusst hätte, da das Unvollkommene das ist, dem etwas hinzugefügt werden kann. Daher wusste Christus durch dieses Wissen alles.
Ich antworte darauf, dass angenommen wird, in der Seele Christi sei ein erworbenes Wissen gewesen, wie wir in Frage [9], Artikel [4] gesagt haben, aufgrund des tätigen Intellekts, damit dessen Tätigkeit, die darin besteht, die Dinge aktuell verständlich zu machen, nicht fehle; so wie angenommen wird, dass eingeprägtes oder eingegossenes Wissen in der Seele Christi zur Vervollkommnung des leidenden Intellekts vorhanden war. Wie nun der leidende Intellekt das ist, wodurch "alles in Potenz ist", so ist der tätige Intellekt das, wodurch "alles im Akt ist", wie es in De Anima iii, 18 heißt. Und daher, wie die Seele Christi durch eingegossenes Wissen alles wusste, wozu der leidende Intellekt in irgendeiner Weise in Potenz ist, so wusste sie durch erworbenes Wissen alles, was durch die Tätigkeit des tätigen Intellekts gewusst werden kann.
Antwort auf Einwand 1: Die Kenntnis der Dinge kann nicht nur durch die Erfahrung der Dinge selbst erworben werden, sondern auch durch die Erfahrung anderer Dinge; da der Mensch kraft des Lichtes des tätigen Intellekts dazu übergehen kann, Wirkungen aus Ursachen und Ursachen aus Wirkungen, Gleiches aus Gleichem, Gegensätzliches aus Gegensätzlichem zu verstehen. Deshalb gelangte Christus, obwohl er nicht alles erfuhr, zur Kenntnis aller Dinge aus dem, was er erfuhr.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl nicht alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge den körperlichen Sinnen Christi unterworfen waren, waren doch andere sinnlich wahrnehmbare Dinge seinen Sinnen unterworfen; und von diesen konnte er durch die vortrefflichste Kraft seiner Vernunft dazu gelangen, andere Dinge zu erkennen, in der Weise, wie in der vorhergehenden Antwort beschrieben; so wie er beim Sehen der Himmelskörper deren Kräfte und die Wirkungen begreifen konnte, die sie auf die Dinge hier unten haben, welche seinen Sinnen nicht unterworfen waren; und aus demselben Grund konnte er von beliebigen anderen Dingen zur Kenntnis wiederum anderer Dinge gelangen.
Antwort auf Einwand 3: Durch dieses Wissen wusste die Seele Christi nicht schlechthin alles, sondern alles, was durch das Licht des menschlichen tätigen Intellekts erkennbar ist. Daher erkannte er durch dieses Wissen nicht die Wesenheiten der getrennten Substanzen, noch vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Einzeldinge, die er dennoch durch eingegossenes Wissen erkannte, wie oben gesagt wurde (Frage [11]).