III, q. 12 a. 4
Ob Christus Wissen von den Engeln empfing?
Quaestio 12 · Vom erworbenen oder empirischen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus Wissen von den Engeln empfing. Denn es steht geschrieben (Lk 22,43), dass "ihm ein Engel vom Himmel erschien und ihn stärkte." Aber wir werden durch die tröstenden Worte eines Lehrers gestärkt, gemäß Ijob 4,3.4: "Siehe, du hast viele unterwiesen und hast die müden Hände gestärkt. Deine Worte haben die Wankenden aufgerichtet." Also wurde Christus von Engeln gelehrt.
Einwand 2: Ferner sagt Dionysius (Coel. Hier. iv): "Denn ich sehe, dass sogar Jesus – die überwesentliche Substanz der überhimmlischen Substanzen –, als er ohne Wandel unsere Substanz auf sich nahm, gehorsam den Anweisungen des Vaters und Gottes durch die Engel unterworfen war." Daher scheint es, dass sogar Christus den Anordnungen des göttlichen Gesetzes unterworfen sein wollte, wodurch Menschen mittels der Engel gelehrt werden.
Einwand 3: Ferner, wie in der natürlichen Ordnung der menschliche Körper den Himmelskörpern unterworfen ist, so ist der menschliche Geist den engelhaften Geistern unterworfen. Nun war Christi Körper den Einwirkungen der Himmelskörper unterworfen, denn er fühlte die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter und andere menschliche Leiden. Also war sein menschlicher Geist den Erleuchtungen der überhimmlischen Geister unterworfen.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. vii), dass "die höchsten Engel Jesus befragen und die Kenntnis seines göttlichen Werkes und des für uns angenommenen Fleisches lernen; und Jesus lehrt sie direkt." Nun gehören Lehren und Gelehrtwerden nicht demselben zu. Also empfing Christus kein Wissen von den Engeln.
Ich antworte darauf, dass, da die menschliche Seele in der Mitte zwischen geistigen Substanzen und körperlichen Dingen steht, sie auf zwei Arten natürlich vervollkommnet wird. Erstens durch Wissen, das von sinnlich wahrnehmbaren Dingen empfangen wird; zweitens durch Wissen, das durch die Erleuchtung geistiger Substanzen eingeprägt oder eingegossen wird. Auf diese beiden Arten nun wurde die Seele Christi vervollkommnet; erstens durch Erfahrungswissen von sinnlich wahrnehmbaren Dingen, wofür es keines Engelslichtes bedarf, da das Licht des tätigen Intellekts ausreicht; zweitens durch die höhere Einprägung eingegossenen Wissens, das er direkt von Gott empfing. Denn wie seine Seele mit dem Wort über die gewöhnliche Weise hinaus in der Einheit der Person vereint war, so war sie über die gewöhnliche Weise der Menschen hinaus mit Wissen und Gnade durch das Wort Gottes selbst erfüllt; und nicht durch die Vermittlung von Engeln, die in ihrem Anfang die Kenntnis der Dinge durch den Einfluss des Wortes empfingen, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii, 8).
Antwort auf Einwand 1: Diese Stärkung durch den Engel geschah nicht zum Zweck seiner Unterweisung, sondern um die Wahrheit seiner menschlichen Natur zu beweisen. Daher sagt Beda (zu Lk 22,43): "Zum Zeugnis beider Naturen wird gesagt, dass die Engel ihm gedient und ihn gestärkt haben. Denn der Schöpfer bedurfte nicht der Hilfe seines Geschöpfes; aber da er Mensch geworden war, so wie er um unseretwillen traurig war, so wurde er um unseretwillen gestärkt," d.h. damit unser Glaube an die Menschwerdung gestärkt werde.
Antwort auf Einwand 2: Dionysius sagt, dass Christus den engelhaften Anweisungen unterworfen war, nicht aufgrund seiner selbst, sondern aufgrund dessen, was bei seiner Menschwerdung geschah, und in Bezug auf die Sorge für ihn, während er ein Kind war. Daher fügt er an derselben Stelle hinzu, dass "Jesu Rückzug nach Ägypten, vom Vater beschlossen, dem Josef durch Engel verkündet wird, und wiederum seine Rückkehr aus Ägypten nach Judäa."
Antwort auf Einwand 3: Der Sohn Gottes nahm einen leidensfähigen Körper an (wie nachstehend gesagt wird (Frage [14], Artikel [1])) und eine an Wissen und Gnade vollkommene Seele (Frage [14], Artikel [1], zu 1; Artikel [4]). Daher war sein Körper zu Recht dem Einfluss der Himmelskörper unterworfen; aber seine Seele war nicht dem Einfluss der himmlischen Geister unterworfen.