III, q. 12 a. 2
Ob Christus im erworbenen oder Erfahrungswissen fortschritt?
Quaestio 12 · Vom erworbenen oder empirischen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus in diesem Wissen nicht fortschritt. Denn wie Christus alles durch sein beseligendes und sein eingegossenes Wissen wusste, so tat er es auch durch dieses erworbene Wissen, wie aus dem Gesagten klar ist (Artikel [1]). Aber er schritt in jenen Erkenntnissen nicht fort. Also auch nicht in dieser.
Einwand 2: Ferner gehört das Fortschreiten zum Unvollkommenen, da dem Vollkommenen nichts hinzugefügt werden kann. Nun können wir kein unvollkommenes Wissen in Christus annehmen. Also schritt Christus in diesem Wissen nicht fort.
Einwand 3: Ferner sagt Damascenus (De Fide Orth. iii, 22): "Wer sagt, dass Christus an Weisheit und Gnade zunahm, als ob er zusätzliche Empfindungen empfinge, verehrt nicht die Einheit, die in der Hypostase besteht." Aber es ist gottlos, diese Einheit nicht zu verehren. Also ist es gottlos zu sagen, dass sein Wissen Zuwachs erhielt.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Lk 2,52): "Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen"; und Ambrosius sagt (De Incar. Dom. vii), dass "er an menschlicher Weisheit zunahm". Nun ist menschliche Weisheit jene, die auf menschliche Weise erworben wird, d.h. durch das Licht des tätigen Intellekts. Also schritt Christus in diesem Wissen fort.
Ich antworte darauf, dass es einen zweifachen Fortschritt im Wissen gibt: einen im Wesen, insofern der Habitus des Wissens vermehrt wird; den anderen in der Wirkung – z.B. wenn jemand mit ein und demselben Habitus des Wissens jemandem anderen zuerst einige kleinere Wahrheiten beweisen würde und danach größere und subtilere Schlussfolgerungen. Auf diese zweite Weise ist nun klar, dass Christus an Wissen und Gnade zunahm, ebenso wie an Alter, da er mit zunehmendem Alter größere Taten vollbrachte und größeres Wissen und Gnade zeigte.
Was aber den Habitus des Wissens betrifft, so ist klar, dass sein Habitus des eingegossenen Wissens nicht zunahm, da er von Anfang an vollkommenes eingegossenes Wissen von allen Dingen hatte; und noch weniger konnte sein beseligendes Wissen zunehmen; während wir im ersten Teil, Frage [14], Artikel [15], bereits gesagt haben, dass sein göttliches Wissen nicht zunehmen konnte. Wenn also in der Seele Christi kein Habitus des erworbenen Wissens war, über den Habitus des eingegossenen Wissens hinaus, wie es einigen scheint [*Albertus Magnus, Alexander von Hales, Bonaventura], und mir zeitweise schien (Sent. iii, D, xiv), dann nahm kein Wissen in Christus dem Wesen nach zu, sondern bloß durch Erfahrung, d.h. durch Vergleich der eingegossenen intelligiblen Spezies mit den Phantasmen. Und auf diese Weise behaupten sie, dass Christi Wissen an Erfahrung wuchs, z.B. durch Vergleich der eingegossenen intelligiblen Spezies mit dem, was er zum ersten Mal durch die Sinne empfing. Aber weil es unangemessen scheint, dass irgendeine natürliche intelligible Tätigkeit Christus fehlen sollte, und weil das Extrahieren intelligibler Spezies aus Phantasmen eine natürliche Tätigkeit des menschlichen tätigen Intellekts ist, scheint es angemessen, auch diese Tätigkeit in Christus anzunehmen. Und daraus folgt, dass in der Seele Christi ein Habitus des Wissens war, der durch diese Abstraktion der Spezies zunehmen konnte; insofern der tätige Intellekt, nachdem er die ersten intelligiblen Spezies von den Phantasmen abstrahiert hatte, andere abstrahieren konnte, und wieder andere.
Antwort auf Einwand 1: Sowohl das eingegossene Wissen als auch das beseligende Wissen der Seele Christi waren Wirkungen eines Agens von unendlicher Macht, das das Ganze auf einmal hervorbringen konnte; und so schritt Christus in keinem der beiden Wissen fort; da er sie von Anfang an vollkommen besaß. Aber das erworbene Wissen Christi wird durch den tätigen Intellekt verursacht, der das Ganze nicht auf einmal, sondern sukzessive hervorbringt; und daher wusste Christus durch dieses Wissen nicht alles von Anfang an, sondern Schritt für Schritt und nach einer Zeit, d.h. in seinem vollkommenen Alter; und dies ist klar aus dem, was der Evangelist sagt, nämlich dass er an "Wissen und Alter" zugleich zunahm.
Antwort auf Einwand 2: Auch dieses Wissen war für die jeweilige Zeit immer vollkommen, obwohl es nicht schlechthin und im Vergleich zur Natur immer vollkommen war; daher konnte es zunehmen.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Ausspruch des Damascenus betrifft jene, die absolut sagen, dass zu Christi Wissen etwas hinzugefügt wurde, d.h. in Bezug auf irgendein Wissen von ihm, und besonders in Bezug auf das eingegossene Wissen, das in der Seele Christi durch die Vereinigung mit dem Wort verursacht wird; aber er betrifft nicht die Zunahme des Wissens, die durch das natürliche Agens verursacht wird.