III, q. 10 a. 4
Ob die Seele Christi das Wort oder das göttliche Wesen klarer sieht als irgendein anderes Geschöpf?
Quaestio 10 · Vom seligen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi das Wort nicht vollkommener sieht als irgendein anderes Geschöpf. Denn die Vollkommenheit der Erkenntnis hängt vom Medium des Erkennens ab; so wie die Erkenntnis, die wir mittels eines demonstrativen Syllogismus haben, vollkommener ist als jene, die wir mittels eines wahrscheinlichen Syllogismus haben. Aber alle Seligen sehen das Wort unmittelbar im göttlichen Wesen selbst, wie im ersten Teil (FP), Frage [12], Artikel [2] gesagt wurde. Also sieht die Seele Christi das Wort nicht vollkommener als irgendein anderes Geschöpf.
Einwand 2: Ferner übersteigt die Vollkommenheit der Schau nicht die Kraft des Sehens. Aber die rationale Kraft einer Seele, wie es die Seele Christi ist, steht unter der intellektiven Kraft eines Engels, wie aus Dionysius (Coel. Hier. iv) ersichtlich ist. Also sah die Seele Christi das Wort nicht vollkommener als die Engel.
Einwand 3: Ferner sieht Gott sein Wort unendlich viel vollkommener als die Seele Christi es tut. Daher gibt es unendlich viele mögliche mittlere Stufen zwischen der Art, in der Gott sein Wort sieht, und der Art, in der die Seele Christi das Wort sieht. Also können wir nicht behaupten, dass die Seele Christi das Wort oder das göttliche Wesen vollkommener sieht als jedes andere Geschöpf.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Eph 1,20.21), dass Gott Christus „zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern setzte, über alle Fürstentümer und Gewalt und Macht und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.“ Aber in jener himmlischen Herrlichkeit erkennt jemand Gott umso vollkommener, je höher er steht. Also sieht die Seele Christi Gott vollkommener als irgendein anderes Geschöpf.
Ich antworte darauf, Die Schau des göttlichen Wesens wird allen Seligen gewährt durch eine Teilhabe am göttlichen Licht, das vom Quell des Wortes Gottes auf sie ausgegossen wird, gemäß Sir 1,5: „Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit.“ Nun ist die Seele Christi, da sie mit dem Wort in der Person vereint ist, enger mit dem Wort Gottes verbunden als irgendein anderes Geschöpf. Daher empfängt sie das Licht, in dem Gott durch das Wort selbst gesehen wird, voller als irgendein anderes Geschöpf. Und deshalb sieht sie vollkommener als die übrigen Geschöpfe die Erste Wahrheit selbst, welche das Wesen Gottes ist; daher steht geschrieben (Joh 1,14): „Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater“, „voll“ nicht nur „der Gnade“, sondern auch „der Wahrheit“.
Antwort auf Einwand 1: Die Vollkommenheit der Erkenntnis hängt aufseiten des Erkannten vom Medium ab; aber was den Erkennenden betrifft, hängt sie von der Kraft oder dem Habitus ab. Und daher kommt es, dass selbst unter Menschen einer eine Schlussfolgerung in einem Medium vollkommener sieht als ein anderer. Und auf diese Weise erkennt die Seele Christi, die mit einem reichlicheren Licht erfüllt ist, das göttliche Wesen vollkommener als die anderen Seligen, obwohl alle das göttliche Wesen in sich selbst sehen.
Antwort auf Einwand 2: Die Schau des göttlichen Wesens übersteigt die natürliche Kraft irgendeines Geschöpfes, wie im ersten Teil (FP), Frage [12], Artikel [4] gesagt wurde. Und daher hängen deren Stufen eher von der Ordnung der Gnade ab, in welcher Christus der Höchste ist, als von der Ordnung der Natur, in welcher die engelgleiche Natur vor die menschliche gestellt ist.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Frage [7], Artikel [12]), kann es keine größere Gnade geben als die Gnade Christi in Bezug auf die Vereinigung mit dem Wort; und dasselbe ist von der Vollkommenheit der göttlichen Schau zu sagen; obwohl es, absolut gesprochen, durch die Unendlichkeit der göttlichen Macht einen höheren und erhabeneren Grad geben könnte.