III, q. 10 a. 1
Ob die Seele Christi das Wort oder das göttliche Wesen begriff?
Quaestio 10 · Vom seligen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi das Wort oder das göttliche Wesen begriff und begreift. Denn Isidor sagt (De Summo Bono i, 3), dass „die Dreifaltigkeit nur sich selbst und dem angenommenen Menschen bekannt ist.“ Daher kommuniziert der angenommene Mensch mit der Heiligen Dreifaltigkeit in jener Erkenntnis ihrer selbst, die der Dreifaltigkeit eigen ist. Dies aber ist die Erkenntnis des Begreifens. Also begreift die Seele Christi das göttliche Wesen.
Einwand 2: Ferner ist es etwas Größeres, mit Gott im personalen Sein vereint zu sein, als durch die Schau vereint zu sein. Aber wie Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 6), ist „die ganze Gottheit in einer Person mit der menschlichen Natur in Christus vereint.“ Daher wird die ganze göttliche Natur noch viel mehr von der Seele Christi gesehen; und daher scheint es, dass die Seele Christi das göttliche Wesen begriff.
Einwand 3: Ferner gehört das, was dem Sohn Gottes von Natur aus zukommt, dem Menschensohn durch Gnade zu, wie Augustinus sagt (De Trin. i, 13). Aber das göttliche Wesen zu begreifen, kommt dem Sohn Gottes von Natur aus zu. Also kommt es dem Menschensohn durch Gnade zu; und so scheint es, dass die Seele Christi das göttliche Wesen durch Gnade begriff.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Qq. lxxxiii, qu. 14): „Was immer sich selbst begreift, ist sich selbst gegenüber endlich.“ Aber das göttliche Wesen ist in Bezug auf die Seele Christi nicht endlich, da es sie unendlich übertrifft. Also begreift die Seele Christi das Wort nicht.
Ich antworte darauf, Wie aus Frage [2], Artikel [1] und 6 ersichtlich ist, fand die Vereinigung der zwei Naturen in der Person Christi in einer Weise statt, dass die Eigenschaften beider Naturen unvermischt blieben, d.h. „das Ungeschaffene blieb ungeschaffen, und das Geschaffene blieb innerhalb der Grenzen des Geschöpfes“, wie Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 3,4). Nun ist es für irgendein Geschöpf unmöglich, das göttliche Wesen zu begreifen, wie im ersten Teil (FP), Frage [12], Artikel [1], 4 und 7 gezeigt wurde, da das Unendliche nicht vom Endlichen begriffen wird. Und daher muss gesagt werden, dass die Seele Christi das göttliche Wesen in keiner Weise begreift.
Antwort auf Einwand 1: Der angenommene Mensch wird der göttlichen Dreifaltigkeit in der Erkenntnis ihrer selbst hinzugerechnet, zwar nicht hinsichtlich des Begreifens, sondern aufgrund einer gewissen höchst vorzüglichen Erkenntnis, die über den übrigen Geschöpfen steht.
Antwort auf Einwand 2: Nicht einmal in der Vereinigung durch das personale Sein begreift die menschliche Natur das Wort Gottes oder die göttliche Natur; denn obwohl sie gänzlich mit der menschlichen Natur in der einen Person des Sohnes vereint war, wurde doch die ganze Kraft der Gottheit nicht von der menschlichen Natur umschrieben. Daher sagt Augustinus (Ep. ad Volusian. cxxxvii): „Ich möchte, dass du weißt, dass es nicht die christliche Lehre ist, dass Gott sich so mit dem Fleisch vereinte, dass er die Sorge für die Regierung der Welt aufgab oder verlor, noch hat er sie eingeengt oder verringert, als er sie auf jenen kleinen Körper übertrug.“ So sieht gleichermaßen die Seele Christi das ganze Wesen Gottes, begreift es jedoch nicht; da sie es nicht total sieht, d.h. nicht so vollkommen, wie es erkennbar ist, wie im ersten Teil (FP), Frage [12], Artikel [7] gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Ausspruch des Augustinus ist von der Gnade der Union zu verstehen, aufgrund derer alles, was vom Sohn Gottes in seiner göttlichen Natur ausgesagt wird, auch vom Menschensohn ausgesagt wird wegen der Identität des Suppositums. Und in dieser Weise kann gesagt werden, dass der Menschensohn ein Begreifender des göttlichen Wesens ist, zwar nicht durch seine Seele, sondern in seiner göttlichen Natur; so wie wir auch sagen können, dass der Menschensohn der Schöpfer ist.