III, q. 10 a. 3
Ob die Seele Christi das Unendliche im Wort erkennen kann?
Quaestio 10 · Vom seligen Wissen der Seele Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi das Unendliche im Wort nicht erkennen kann. Denn dass das Unendliche erkannt wird, widerspricht der Definition des Unendlichen, von dem (Phys. iii, 63) gesagt wird, es sei das, „von dem, wie viel auch immer wir wegnehmen mögen, immer etwas übrig bleibt, das weggenommen werden kann.“ Aber es ist unmöglich, dass die Definition von dem Definierten getrennt wird, da dies bedeuten würde, dass Widersprüchliches zugleich existiert. Also ist es unmöglich, dass die Seele Christi das Unendliche erkennt.
Einwand 2: Ferner ist die Erkenntnis des Unendlichen unendlich. Aber die Erkenntnis der Seele Christi kann nicht unendlich sein, weil ihre Kapazität endlich ist, da sie geschaffen ist. Also kann die Seele Christi das Unendliche nicht erkennen.
Einwand 3: Ferner kann es nichts Größeres geben als das Unendliche. Aber in der göttlichen Erkenntnis ist, absolut gesprochen, mehr enthalten als in der Erkenntnis der Seele Christi, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Also erkennt die Seele Christi das Unendliche nicht.
Dagegen spricht: Die Seele Christi erkennt ihre ganze Macht und alles, was sie tun kann. Nun kann sie unendliche Sünden reinigen, gemäß 1 Joh 2,2: „Er ist die Sühne für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Also erkennt die Seele Christi das Unendliche.
Ich antworte darauf, Erkenntnis bezieht sich nur auf das Sein, da Sein und Wahrheit konvertibel sind. Nun wird von einem Ding auf zwei Weisen gesagt, dass es ein Seiendes ist: Erstens schlechthin, d.h. was immer ein Seiendes im Akt ist; zweitens relativ, d.h. was immer ein Seiendes in der Potenz ist. Und weil, wie in Metaph. ix, 20 gesagt wird, alles so erkannt wird, wie es im Akt ist, und nicht wie es in der Potenz ist, bezieht sich die Erkenntnis primär und wesentlich auf das Sein im Akt, und sekundär auf das Sein in der Potenz, welches nicht aus sich selbst heraus erkennbar ist, sondern insofern das erkannt wird, in dessen Macht es existiert. Daher erkennt die Seele Christi in Bezug auf die erste Weise der Erkenntnis das Unendliche nicht. Weil es keine unendliche Zahl im Akt gibt, selbst wenn wir alles zusammenrechnen würden, was zu irgendeiner Zeit im Akt ist, da der Zustand von Werden und Vergehen nicht ewig andauern wird: folglich gibt es eine bestimmte Anzahl nicht nur der Dinge, denen Werden und Vergehen fehlt, sondern auch der Dinge, die des Werdens und Vergehens fähig sind. Aber in Bezug auf die andere Weise des Erkennens erkennt die Seele Christi unendliche Dinge im Wort, denn sie erkennt, wie oben dargelegt (Artikel [2]), alles, was in der Macht des Geschöpfes ist. Da nun in der Macht des Geschöpfes eine unendliche Anzahl von Dingen ist, erkennt sie das Unendliche gleichsam durch eine gewisse Erkenntnis der einfachen Einsicht, und nicht durch eine Erkenntnis der Schau.
Antwort auf Einwand 1: Wie wir im ersten Teil (FP), Frage [8], Artikel [1] sagten, wird das Unendliche auf zwei Weisen verstanden. Erstens aufseiten einer Form, und so haben wir das negativ Unendliche, d.h. eine Form oder einen Akt, der nicht dadurch begrenzt ist, dass er in Materie oder einem Subjekt empfangen wird; und dieses Unendliche ist an sich am besten erkennbar aufgrund der Vollkommenheit des Aktes, obwohl es von der endlichen Kraft des Geschöpfes nicht begreifbar ist; denn so wird von Gott gesagt, er sei unendlich. Und dieses Unendliche erkennt die Seele Christi, doch begreift sie es nicht. Zweitens gibt es das Unendliche hinsichtlich der Materie, welches privativ verstanden wird, d.h. insofern sie nicht die Form hat, die sie von Natur aus haben sollte, und auf diese Weise haben wir das Unendliche in der Quantität. Nun ist ein solches Unendliches an sich unbekannt: insofern es gleichsam Materie mit Beraubung der Form ist, wie in Phys. iii, 65 gesagt wird. Aber alle Erkenntnis geschieht durch Form oder Akt. Wenn daher dieses Unendliche gemäß seiner Seinsweise erkannt werden soll, kann es nicht erkannt werden. Denn seine Weise ist, dass Teil nach Teil genommen wird, wie in Phys. iii, 62,63 gesagt wird. Und auf diese Weise ist es wahr, dass, wenn wir etwas davon wegnehmen, d.h. Teil nach Teil nehmend, immer etwas übrig bleibt, das weggenommen werden kann. Aber wie materielle Dinge vom Intellekt immateriell empfangen werden können, und viele Dinge vereint, so können unendliche Dinge vom Intellekt empfangen werden, nicht nach der Art des Unendlichen, sondern endlich; und so sind die Dinge, die an sich unendlich sind, im Intellekt des Erkennenden endlich. Und auf diese Weise erkennt die Seele Christi eine unendliche Anzahl von Dingen, insofern sie diese nicht erkennt, indem sie von einem zum anderen diskursiv fortschreitet, sondern in einer gewissen Einheit, d.h. in jedem Geschöpf, in dessen Potenz unendliche Dinge existieren, und vornehmlich im Wort selbst.
Antwort auf Einwand 2: Es hindert nichts daran, dass ein Ding auf eine Weise unendlich und auf eine andere endlich ist, wie wenn wir uns bei Quantitäten eine Fläche vorstellen, die unendlich in der Länge und endlich in der Breite ist. Daher, wenn es eine unendliche Anzahl von Menschen gäbe, hätten sie eine relative Unendlichkeit, d.h. in der Menge; aber hinsichtlich der Essenz wären sie endlich, da die Essenz aller auf eine spezifische Natur begrenzt wäre. Was aber in seiner Essenz schlechthin unendlich ist, ist Gott, wie im ersten Teil (FP), Frage [7], Artikel [2] gesagt wurde. Nun ist das eigentliche Objekt des Intellekts das, „was ein Ding ist“, wie in De Anima iii, 26 gesagt wird, wozu der Begriff der Spezies gehört. Und so gelangt die Seele Christi, da sie eine endliche Kapazität hat, zu dem, was in der Essenz schlechthin unendlich ist, begreift es aber nicht, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Aber das Unendliche in der Potenz, das in den Geschöpfen ist, kann von der Seele Christi begriffen werden, da es mit jener Seele gemäß seiner Essenz verglichen wird, in welcher Hinsicht es nicht unendlich ist. Denn auch unser Intellekt versteht ein Universale – zum Beispiel die Natur einer Gattung oder Art –, welches in gewisser Weise Unendlichkeit besitzt, insofern es von einer unendlichen Anzahl ausgesagt werden kann.
Antwort auf Einwand 3: Das, was in jeder Weise unendlich ist, kann nur eines sein. Daher sagt der Philosoph (De Coel. i, 2,3), dass, da Körper in jedem Teil Ausdehnung haben, es nicht mehrere unendliche Körper geben kann. Doch wenn etwas nur auf eine Weise unendlich wäre, würde nichts die Existenz mehrerer solcher unendlicher Dinge hindern; wie wenn wir annehmen würden, dass mehrere Linien von unendlicher Länge auf einer Fläche von endlicher Breite gezogen würden. Daher, weil Unendlichkeit keine Substanz ist, sondern den Dingen akzidentell zukommt, von denen gesagt wird, sie seien unendlich, wie der Philosoph sagt (Phys. iii, 37,38); so muss, wie das Unendliche durch verschiedene Subjekte vervielfältigt wird, auch eine Eigenschaft des Unendlichen vervielfältigt werden, in der Weise, dass sie jedem von ihnen gemäß jenem besonderen Subjekt zukommt. Nun ist es eine Eigenschaft des Unendlichen, dass nichts größer ist als es. Wenn wir daher eine unendliche Linie nehmen, gibt es in ihr nichts Größeres als das Unendliche; ebenso, wenn wir irgendeine von anderen unendlichen Linien nehmen, ist es klar, dass jede unendliche Teile hat. Deshalb gibt es in dieser besonderen Linie notwendigerweise nichts Größeres als all diese unendlichen Teile; doch in einer anderen oder einer dritten Linie wird es weitere unendliche Teile außer diesen geben. Wir beobachten dies auch bei Zahlen, denn die Arten der geraden Zahlen sind unendlich, und ebenso sind die Arten der ungeraden Zahlen unendlich; doch gibt es mehr gerade und ungerade Zahlen als gerade. Und so muss gesagt werden, dass nichts größer ist als das schlechthin und in jeder Weise Unendliche; aber als das Unendliche, das in gewisser Hinsicht begrenzt ist, ist in jener Ordnung nichts größer; doch können wir annehmen, dass etwas außerhalb jener Ordnung größer ist. Auf diese Weise also gibt es unendliche Dinge in der Potenz des Geschöpfes, und doch sind mehr in der Macht Gottes als in der Potenz des Geschöpfes. So erkennt auch die Seele Christi unendliche Dinge durch das Wissen der einfachen Einsicht; doch erkennt Gott mehr durch diese Art des Wissens oder Verstehens.