Suppl., q. 94 a. 3
Ob die Seligen sich über die Strafe der Gottlosen freuen?
Quaestio 94 · Vom Verhältnis der Heiligen zu den Verdammten
1. Einwand: Es scheint, dass die Seligen sich nicht über die Strafe der Gottlosen freuen. Denn sich über das Übel eines anderen zu freuen, gehört zum Hass. Aber es wird keinen Hass in den Seligen geben. Also werden sie sich nicht über das Unglück der Verdammten freuen.
2. Einwand: Ferner werden die Seligen im Himmel Gott im höchsten Grade gleichförmig sein. Gott aber freut sich nicht über unsere Bedrängnisse. Also werden sich auch die Seligen nicht über die Bedrängnisse der Verdammten freuen.
3. Einwand: Ferner hat das, was an einem Pilger tadelnswert ist, keinerlei Platz in einem Vollendeten. Nun ist es bei einem Pilger höchst verwerflich, Gefallen an den Schmerzen anderer zu finden, und höchst lobenswert, um sie zu trauern. Also freuen sich die Seligen in keiner Weise über die Strafe der Verdammten.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 57,11): „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache sieht.“
Ferner steht geschrieben (Jes 66,24): „Sie werden den Anblick allen Fleisches sättigen.“ [Douay: ‚Sie werden ein abscheulicher Anblick für alles Fleisch sein.‘] Sättigung aber bezeichnet eine Erquickung des Gemüts. Also werden sich die Seligen über die Strafe der Gottlosen freuen.
Ich antworte darauf, dass eine Sache auf zwei Arten Gegenstand der Freude sein kann. Erstens direkt, wenn man sich über eine Sache als solche freut: und so werden sich die Heiligen nicht über die Strafe der Gottlosen freuen. Zweitens indirekt, nämlich aufgrund von etwas, das damit verbunden ist: und auf diese Weise werden sich die Heiligen über die Strafe der Gottlosen freuen, indem sie darin die Ordnung der göttlichen Gerechtigkeit und ihre eigene Befreiung betrachten, was sie mit Freude erfüllen wird. Und so werden die göttliche Gerechtigkeit und ihre eigene Befreiung die direkte Ursache der Freude der Seligen sein, während die Strafe der Verdammten sie indirekt verursachen wird.
Antwort auf den 1. Einwand: Sich über das Übel eines anderen als solches zu freuen, gehört zum Hass, nicht aber, sich über das Übel eines anderen aufgrund von etwas damit Verbundenem zu freuen. So freut sich eine Person manchmal über ihr eigenes Übel, wie wenn wir uns über unsere eigenen Bedrängnisse freuen, da sie uns helfen, das Leben zu verdienen: „Meine Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Versuchungen fallt“ (Jakobus 1,2).
Antwort auf den 2. Einwand: Obwohl Gott sich nicht über Strafen als solche freut, freut Er sich über sie, insofern sie von Seiner Gerechtigkeit angeordnet sind.
Antwort auf den 3. Einwand: Es ist bei einem Pilger nicht lobenswert, sich über die Bedrängnisse eines anderen als solche zu freuen: doch ist es lobenswert, wenn er sich über sie freut, insofern sie etwas Verbundenes haben. Jedoch verhält es sich mit einem Pilger nicht gleich wie mit einem Vollendeten, weil bei einem Pilger die Leidenschaften oft dem Urteil der Vernunft zuvorkommen, und doch sind solche Leidenschaften manchmal lobenswert, da sie die gute Verfassung des Gemüts anzeigen, wie im Falle von Scham, Mitleid und Reue über das Böse: wohingegen es in einem Vollendeten keine Leidenschaft geben kann außer einer solchen, die dem Urteil der Vernunft folgt.