Suppl., q. 94 a. 2
Ob die Seligen Mitleid haben mit dem Unglück der Verdammten?
Quaestio 94 · Vom Verhältnis der Heiligen zu den Verdammten
1. Einwand: Es scheint, dass die Seligen Mitleid haben mit dem Unglück der Verdammten. Denn Mitleid geht aus der Liebe hervor [Vgl. SS, Frage 30]; und die Liebe wird in den Seligen am vollkommensten sein. Also werden sie ganz besonders Mitleid mit den Leiden der Verdammten haben.
2. Einwand: Ferner werden die Seligen niemals so weit vom Mitleid entfernt sein wie Gott. Doch in gewissem Sinne hat Gott Mitleid mit unseren Bedrängnissen, weshalb Er barmherzig genannt wird.
Dagegen spricht: Wer Mitleid mit einem anderen hat, teilt gewissermaßen dessen Unglück. Die Seligen aber können an keinem Unglück teilhaben. Also haben sie kein Mitleid mit den Bedrängnissen der Verdammten.
Ich antworte darauf, dass Barmherzigkeit oder Mitleid auf zwei Arten in einer Person sein kann: erstens im Sinne einer Leidenschaft, zweitens im Sinne einer Wahl. In den Seligen wird es keine Leidenschaft in den niederen Kräften geben, außer als Folge der Wahl der Vernunft. Daher wird Mitleid oder Barmherzigkeit nicht in ihnen sein, außer durch die Wahl der Vernunft. Nun kommt Barmherzigkeit oder Mitleid aus der Wahl der Vernunft, wenn eine Person wünscht, dass das Übel eines anderen beseitigt werde: weshalb wir in jenen Dingen, die wir gemäß der Vernunft nicht beseitigt wissen wollen, kein solches Mitleid haben. Solange aber Sünder in dieser Welt sind, befinden sie sich in einem solchen Zustand, dass sie ohne Beeinträchtigung der göttlichen Gerechtigkeit aus einem Zustand des Unglücks und der Sünde in einen Zustand der Glückseligkeit hinweggenommen werden können. Folglich ist es möglich, Mitleid mit ihnen zu haben, sowohl durch die Wahl des Willens – in welchem Sinne Gott, die Engel und die Seligen als mitleidig mit ihnen bezeichnet werden, indem sie ihr Heil wünschen – als auch durch Leidenschaft, auf welche Weise sie von den guten Menschen bemitleidet werden, die sich im Zustand der Pilgerschaft befinden. Aber im zukünftigen Zustand wird es unmöglich sein, dass sie von ihrem Unglück hinweggenommen werden: und folglich wird es nicht möglich sein, ihre Leiden gemäß der rechten Vernunft zu bemitleiden. Daher werden die Seligen in der Herrlichkeit kein Mitleid mit den Verdammten haben.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Liebe ist das Prinzip des Mitleids, wenn es uns möglich ist, aus Liebe das Aufhören des Unglücks einer Person zu wünschen. Aber die Heiligen können dies für die Verdammten nicht wünschen, da es der göttlichen Gerechtigkeit widerspräche. Folglich beweist das Argument nichts.
Antwort auf den 2. Einwand: Gott wird barmherzig genannt, insofern Er jenen zu Hilfe kommt, denen es gemäß der Ordnung der Weisheit und Gerechtigkeit ziemt, von ihren Bedrängnissen befreit zu werden: nicht als ob Er Mitleid mit den Verdammten hätte, außer vielleicht indem Er sie weniger straft, als sie verdienen.