Suppl., q. 93 a. 3
Ob die verschiedenen Wohnungen gemäß den verschiedenen Graden der Liebe unterschieden werden?
Quaestio 93 · Von der Glückseligkeit der Heiligen und ihren Wohnungen
Einwand 1: Es scheint, dass die verschiedenen Wohnungen nicht gemäß den verschiedenen Graden der Liebe unterschieden werden. Denn es steht geschrieben (Mt 25,15): „Er gab jedem nach seiner eigenen Kraft [Douay: 'Fähigkeit'].“ Nun ist die eigene Fähigkeit eines Dinges seine natürliche Kraft. Daher werden auch die Gaben der Gnade und der Herrlichkeit gemäß den verschiedenen Graden der natürlichen Kraft verteilt.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Ps 61,13): „Du wirst jedem vergelten nach seinen Werken.“ Nun ist das, was vergolten wird, das Maß der Seligkeit. Daher werden die Stufen der Seligkeit gemäß der Verschiedenheit der Werke unterschieden und nicht gemäß der Verschiedenheit der Liebe.
Einwand 3: Ferner gebührt der Lohn dem Akt und nicht dem Habitus: daher „werden nicht die Stärksten gekrönt, sondern jene, die in den Wettkampf treten“ (Ethic. i, 8) und „er... wird nicht gekrönt, wenn er nicht rechtmäßig kämpft“. Nun ist die Seligkeit ein Lohn. Daher werden die verschiedenen Stufen der Seligkeit gemäß den verschiedenen Graden der Werke sein und nicht gemäß den verschiedenen Graden der Liebe.
Dagegen spricht: Je mehr einer mit Gott vereint sein wird, desto glücklicher wird er sein. Nun ist das Maß der Liebe das Maß der Vereinigung mit Gott. Daher wird die Verschiedenheit der Seligkeit gemäß dem Unterschied der Liebe sein.
Ferner, „wenn eine Sache schlechthin aus einer anderen Sache schlechthin folgt, folgt die Zunahme der ersteren aus der Zunahme der letzteren.“ Nun folgt das Haben der Seligkeit aus dem Haben der Liebe. Daher folgt das Haben größerer Seligkeit aus dem Haben größerer Liebe.
Ich antworte darauf, dass das Unterscheidungsprinzip der Wohnungen oder Stufen der Seligkeit ein zweifaches ist, nämlich ein nächstes und ein entferntes. Das nächste Prinzip ist der Unterschied der Disposition, die in den Seligen sein wird, woraus der Unterschied der Vollkommenheit in ihnen hinsichtlich der beseligenden Tätigkeit resultieren wird: während das entfernte Prinzip das Verdienst ist, durch das sie jene Seligkeit erlangt haben. Auf die erste Weise werden die Wohnungen gemäß der Liebe des Himmels unterschieden, welche, je vollkommener sie in jemandem sein wird, ihn desto fähiger für die göttliche Klarheit machen wird, von deren Zunahme die Zunahme an Vollkommenheit der Gottesschau abhängen wird. Auf die zweite Weise werden die Wohnungen gemäß der Liebe des Weges unterschieden. Denn unsere Handlungen sind verdienstlich nicht durch die Substanz der Handlung selbst, sondern nur durch den Habitus der Tugend, durch den sie geformt werden. Nun erlangt jede Tugend ihre verdienstliche Wirksamkeit aus der Liebe [*Vgl. FS, Frage [114], Artikel [4]], welche das Ziel selbst zum Gegenstand hat [*Vgl. SS, Frage [24], Artikel [3], ad 1]. Daher wird die Verschiedenheit des Verdienstes gänzlich auf die Verschiedenheit der Liebe zurückgeführt, und so wird die Liebe des Weges die Wohnungen nach Art des Verdienstes unterscheiden.
Antwort auf Einwand 1: In dieser Passage bezeichnet „Kraft“ nicht die natürliche Fähigkeit allein, sondern die natürliche Fähigkeit zusammen mit dem Bemühen, die Gnade zu erlangen [*Vgl. SS, Frage [23], Artikel [8]]. Folglich wird die Kraft in diesem Sinne eine Art materielle Disposition für das Maß an Gnade und Herrlichkeit sein, das man empfangen wird. Aber die Liebe ist die formale Ergänzung des Verdienstes in Bezug auf die Herrlichkeit, und daher hängt die Unterscheidung der Stufen in der Herrlichkeit eher von den Graden der Liebe ab als von den Graden der vorgenannten Kraft.
Antwort auf Einwand 2: Werke an sich verlangen nicht die Auszahlung eines Lohnes, außer insofern sie durch die Liebe geformt sind: und daher werden die verschiedenen Stufen der Herrlichkeit gemäß den verschiedenen Graden der Liebe sein.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl der Habitus der Liebe oder irgendeiner Tugend kein Verdienst ist, dem ein Lohn gebührt, ist er nichtsdestoweniger das Prinzip und der Grund des Verdienstes im Akt: und folglich entspricht seiner Verschiedenheit die Verschiedenheit der Belohnungen. Dies hindert uns nicht daran, einen gewissen Grad an Verdienst im Akt zu beobachten, wenn er allgemein betrachtet wird, zwar nicht in Bezug auf den wesentlichen Lohn, welcher die Freude an Gott ist, wohl aber in Bezug auf einen akzidentellen Lohn, welcher die Freude an irgendeinem geschaffenen Gut ist.