Suppl., q. 93 a. 1
Ob die Glückseligkeit der Heiligen nach dem Gericht größer sein wird als zuvor?
Quaestio 93 · Von der Glückseligkeit der Heiligen und ihren Wohnungen
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit der Heiligen nach dem Gericht nicht größer sein wird als zuvor. Denn je näher ein Ding der göttlichen Ähnlichkeit kommt, desto vollkommener nimmt es an der Glückseligkeit teil. Nun ist die Seele Gott ähnlicher, wenn sie vom Körper getrennt ist, als wenn sie mit ihm vereint ist. Daher ist ihre Glückseligkeit vor der Wiedervereinigung mit dem Körper größer als danach.
Einwand 2: Ferner ist eine Kraft wirksamer, wenn sie geeint ist, als wenn sie geteilt ist. Nun ist die Seele mehr geeint, wenn sie vom Körper getrennt ist, als wenn sie mit dem Körper verbunden ist. Daher hat sie dann eine größere Kraft zum Wirken und folglich einen vollkommeneren Anteil an der Glückseligkeit, da diese in der Tätigkeit besteht [*Vgl. FS, Frage [3], Artikel [2]].
Einwand 3: Ferner besteht die Seligkeit in einem Akt des spekulativen Intellekts. Der Intellekt aber bedient sich in seinem Akt keines körperlichen Organs; folglich wird die Seele durch die Wiedervereinigung mit dem Körper nicht zu einem vollkommeneren Verstehen befähigt. Daher ist die Glückseligkeit der Seele nach dem Gericht nicht größer als zuvor.
Einwand 4: Ferner kann nichts größer sein als das Unendliche, und so führt die Hinzufügung des Endlichen zum Unendlichen nicht zu etwas Größerem als dem Unendlichen für sich allein. Nun ist die beseligte Seele vor ihrer Wiedervereinigung mit dem Körper glücklich, indem sie sich des unendlichen Gutes, nämlich Gottes, erfreut; und nach der Auferstehung des Leibes wird sie sich über nichts anderes freuen, außer vielleicht über die Herrlichkeit des Leibes, und dies ist ein endliches Gut. Daher wird ihre Freude nach der Wiederannahme des Leibes nicht größer sein als zuvor.
Dagegen spricht eine Glosse zu Offb 6,9: „Ich sah unter dem Altar die Seelen derer, die geschlachtet worden waren“, welche besagt: „Gegenwärtig sind die Seelen der Heiligen unter dem Altar, d.h. weniger erhöht, als sie es sein werden.“ Daher wird ihre Glückseligkeit nach der Auferstehung größer sein als nach ihrem Tod.
Ferner, wie den Guten die Glückseligkeit als Lohn verliehen wird, so wird den Bösen das Unglück zuerkannt. Aber das Unglück der Bösen wird nach der Wiedervereinigung mit ihren Leibern größer sein als zuvor, da sie nicht nur an der Seele, sondern auch am Leib bestraft werden. Daher wird die Glückseligkeit der Heiligen nach der Auferstehung des Leibes größer sein als zuvor.
Ich antworte darauf, dass es offensichtlich ist, dass die Glückseligkeit der Heiligen nach der Auferstehung an Umfang zunehmen wird, weil ihre Glückseligkeit dann nicht nur in der Seele, sondern auch im Leibe sein wird. Überdies wird auch die Glückseligkeit der Seele an Umfang zunehmen, da die Seele sich nicht nur ihres eigenen Gutes, sondern auch dessen des Leibes erfreuen wird. Wir können auch sagen, dass die Glückseligkeit der Seele an Intensität zunehmen wird [*Vgl. FS, Frage [4], Artikel [5], ad 5, wo der hl. Thomas diese Aussage zurücknimmt]. Denn der menschliche Körper kann auf zweifache Weise betrachtet werden: erstens, insofern er zu seiner Vervollkommnung von der Seele abhängt; zweitens, insofern er etwas enthält, das die Seele in ihren Tätigkeiten behindert, weil die Seele den Körper nicht vollkommen vervollkommnet. Was die erste Betrachtungsweise des Körpers betrifft, so fügt seine Vereinigung mit der Seele der Seele eine gewisse Vollkommenheit hinzu, da jeder Teil unvollkommen ist und in seinem Ganzen vervollkommnet wird; weshalb sich das Ganze zum Teil verhält wie die Form zur Materie. Folglich ist die Seele vollkommener in ihrem natürlichen Sein, wenn sie im Ganzen ist – nämlich im Menschen, der aus der Vereinigung von Seele und Leib hervorgeht –, als wenn sie ein getrennter Teil ist. Was aber die zweite Betrachtung betrifft, so behindert die Vereinigung des Körpers die Vollkommenheit der Seele, weshalb geschrieben steht (Weish 9,15), dass „der verwesliche Leib die Seele beschwert“. Wenn also vom Körper all jene Dinge entfernt werden, worin er das Wirken der Seele behindert, wird die Seele schlechthin vollkommener sein, während sie in einem solchen Körper existiert, als wenn sie davon getrennt ist. Nun ist ein Ding, je vollkommener es im Sein ist, desto vollkommener fähig zu wirken: weshalb das Wirken der Seele, die mit einem solchen Körper vereint ist, vollkommener sein wird als das Wirken der getrennten Seele. Der verklärte Leib aber wird ein Körper dieser Art sein, da er gänzlich dem Geist unterworfen ist. Da also die Seligkeit in einer Tätigkeit besteht [*Vgl. FS, Frage [3], Artikel [2], ff.], wird die Glückseligkeit der Seele nach ihrer Wiedervereinigung mit dem Körper vollkommener sein als zuvor. Denn so wie die von einem verweslichen Leib getrennte Seele vollkommener wirken kann, als wenn sie mit ihm vereint ist, so wird ihr Wirken, nachdem sie mit einem verklärten Leib vereint worden ist, vollkommener sein, als während sie getrennt war. Nun verlangt jedes unvollkommene Ding nach seiner Vollkommenheit. Daher verlangt die getrennte Seele von Natur aus nach der Wiedervereinigung mit dem Körper, und aufgrund dieses Verlangens, das aus der Unvollkommenheit der Seele herrührt, ist ihr Wirken, wodurch sie zu Gott getragen wird, weniger intensiv. Dies stimmt mit dem Ausspruch von Augustinus überein (Gen. ad lit. xii, 35), dass sie „wegen des Verlangens nach dem Körper davon abgehalten wird, mit ihrer ganzen Kraft zu jenem höchsten Gut zu streben“.
Antwort auf Einwand 1: Die mit einem verklärten Leib vereinte Seele ist Gott ähnlicher, als wenn sie davon getrennt ist, insofern sie im vereinten Zustand ein vollkommeneres Sein hat. Denn je vollkommener ein Ding ist, desto ähnlicher ist es Gott: so ist auch das Herz, dessen Lebensvollkommenheit in der Bewegung besteht, Gott ähnlicher, während es in Bewegung ist, als während es ruht, obwohl Gott niemals bewegt wird.
Antwort auf Einwand 2: Eine Kraft, die ihrer Natur nach fähig ist, in der Materie zu sein, ist wirksamer, wenn sie in der Materie subjektiert ist, als wenn sie von der Materie getrennt ist, wenngleich absolut betrachtet eine von der Materie getrennte Kraft wirksamer ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl sich die Seele im Akt des Verstehens nicht des Körpers bedient, wird die Vollkommenheit des Körpers doch etwas zur Vollkommenheit der intellektuellen Tätigkeit beitragen, insofern die Seele durch die Vereinigung mit einem verklärten Leib in ihrer Natur vollkommener sein wird und folglich wirksamer in ihrer Tätigkeit; und dementsprechend wird das Gut des Leibes selbst gleichsam instrumentell zu der Tätigkeit beitragen, worin die Glückseligkeit besteht: so behauptet der Philosoph (Ethic. i, 8,10), dass äußere Güter instrumentell zur Glückseligkeit des Lebens beitragen.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl Endliches zum Unendlichen hinzugefügt kein größeres Ding ergibt, ergibt es doch mehr Dinge, da Endliches und Unendliches zwei Dinge sind, während das Unendliche für sich genommen eines ist. Nun bezieht sich der größere Umfang der Freude nicht auf ein größeres Ding, sondern auf mehr Dinge. Daher wird die Freude an Umfang vermehrt durch den Bezug auf Gott und auf die Herrlichkeit des Leibes, im Vergleich zu der Freude, die sich nur auf Gott bezog. Überdies wird die Herrlichkeit des Leibes zur Intensität der Freude beitragen, die sich auf Gott bezieht, insofern sie zu der vollkommeneren Tätigkeit beitragen wird, wodurch die Seele zu Gott strebt: denn je vollkommener eine geziemende Tätigkeit ist, desto größer ist das Entzücken [*Vgl. FS, Frage [32], Artikel [1]], wie in Ethic. x, 8 dargelegt wird.