Suppl., q. 90 a. 3
Ob die Gottheit von den Bösen ohne Freude gesehen werden kann?
Quaestio 90 · Von der Gestalt des Richters beim Kommen zum Gericht
Einwand 1: Es scheint, dass die Gottheit von den Bösen ohne Freude gesehen werden kann. Denn es kann keinen Zweifel geben, dass die Bösen mit größter Gewissheit wissen werden, dass Christus Gott ist. Also werden sie seine Gottheit sehen, und doch werden sie sich nicht freuen, Christus zu sehen. Also wird es möglich sein, sie ohne Freude zu sehen.
Einwand 2: Ferner ist der perverse Wille der Bösen der Menschheit Christi nicht abgeneigter als seiner Gottheit. Nun wird die Tatsache, dass sie die Herrlichkeit seiner Menschheit sehen werden, zu ihrer Bestrafung beitragen, wie oben gesagt wurde (Artikel [2], ad 4). Wenn sie also seine Gottheit sähen, gäbe es viel mehr Grund für sie, sich zu grämen als sich zu freuen.
Einwand 3: Ferner ist der Lauf der Neigungen keine notwendige Folge dessen, was im Intellekt ist: weshalb Augustinus sagt (In Ps. 118: conc. 8): "Der Intellekt geht voran, die Neigungen folgen langsam oder gar nicht." Nun betrifft die Schau den Intellekt, wohingegen die Freude die Neigungen betrifft. Also wird es möglich sein, die Gottheit ohne Freude zu sehen.
Einwand 4: Ferner wird alles, was in ein Ding aufgenommen wird, "gemäß der Weise des Empfängers aufgenommen und nicht des Empfangenen." Aber alles, was gesehen wird, wird in gewisser Weise in den Sehenden aufgenommen. Daher, obwohl die Gottheit an sich im höchsten Maße genussreich ist, wird sie dennoch, wenn sie von jenen gesehen wird, die in Kummer gestürzt sind, keine Freude bereiten, sondern eher Missfallen.
Einwand 5: Ferner, wie sich der Sinn zum sinnlichen Objekt verhält, so verhält sich der Intellekt zum intelligiblen Objekt. Nun ist in den Sinnen "dem kranken Gaumen das Brot schmerzhaft, dem gesunden Gaumen süß", wie Augustinus sagt (Confess. vii), und dasselbe geschieht bei den anderen Sinnen. Da also die Verdammten den Intellekt indisponiert haben, scheint es, dass die Schau des unerschaffenen Lichts ihnen eher Schmerz als Freude bereiten wird.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Joh 17,3): "Das ist das ewige Leben: Dass sie dich erkennen, den ... wahren Gott." Weshalb klar ist, dass das Wesen der Glückseligkeit darin besteht, Gott zu sehen. Nun ist Freude wesentlich für die Glückseligkeit. Also kann die Gottheit nicht ohne Freude gesehen werden.
Ferner ist das Wesen der Gottheit das Wesen der Wahrheit. Nun ist es für jeden erfreulich, die Wahrheit zu sehen, weshalb "alle von Natur aus zu wissen begehren", wie am Anfang der Metaphysik gesagt wird. Also ist es unmöglich, die Gottheit ohne Freude zu sehen.
Ferner, wenn eine gewisse Schau nicht immer erfreulich ist, geschieht es manchmal, dass sie schmerzhaft ist. Aber die intellektive Schau ist niemals schmerzhaft, da "dem Vergnügen, das wir an Gegenständen des Verstandes haben, kein Kummer entgegengesetzt ist", gemäß dem Philosophen (Topic. ii). Da also die Gottheit nicht anders als durch den Intellekt gesehen werden kann, scheint es, dass die Gottheit nicht ohne Freude gesehen werden kann.
Ich antworte darauf, dass in jedem Objekt des Begehrens oder des Vergnügens zwei Dinge betrachtet werden können, nämlich das Ding, welches begehrt wird oder welches Vergnügen bereitet, und der Aspekt der Begehrenswertigkeit oder Annehmlichkeit in diesem Ding. Nun kann gemäß Boethius (De Hebdom.) das, was ist, etwas außer dem haben, was es ist, aber das 'Sein' selbst hat keine Beimischung von irgendetwas anderem außer sich selbst. Daher kann das, was begehrenswert oder angenehm ist, eine Beimischung von etwas haben, das es unbegierenswert oder unangenehm macht; aber der Aspekt der Annehmlichkeit selbst hat nichts und kann nichts mit sich vermischt haben, das ihn unangenehm oder unbegierenswert macht. Nun ist es möglich, dass Dinge, die vergnüglich sind durch Teilhabe an der Güte, welche der Aspekt der Begehrenswertigkeit oder Annehmlichkeit ist, kein Vergnügen bereiten, wenn sie erfasst werden; aber es ist unmöglich, dass das, was durch sein Wesen gut ist, kein Vergnügen bereitet, wenn es erfasst wird. Da also Gott wesenhaft seine eigene Güte ist, ist es unmöglich, dass die Gottheit ohne Freude gesehen wird.
Antwort auf Einwand 1: Die Bösen werden höchst klar wissen, dass Christus Gott ist, nicht durch das Sehen seiner Gottheit, sondern aufgrund der offenkundigsten Zeichen seiner Gottheit.
Antwort auf Einwand 2: Niemand kann die Gottheit an sich betrachtet hassen, wie man auch die Güte selbst nicht hassen kann. Aber Gott wird von gewissen Personen gehasst in Bezug auf einige der Wirkungen der Gottheit, insofern er etwas tut oder befiehlt, das ihrem Willen zuwiderläuft [*Vgl. SS, Frage [34], Artikel [1]]. Daher kann die Schau der Gottheit für niemanden schmerzhaft sein.
Antwort auf Einwand 3: Der Ausspruch des Augustinus gilt, wenn das zuvor vom Intellekt erfasste Ding durch Teilhabe gut ist und nicht wesenhaft, wie es alle Geschöpfe sind; weshalb es in ihnen etwas geben kann, aufgrund dessen die Neigungen nicht bewegt werden. In gleicher Weise wird Gott von den Pilgern (auf Erden) durch seine Wirkungen erkannt, und ihr Intellekt gelangt nicht zum eigentlichen Wesen seiner Güte. Daher ist es nicht notwendig, dass die Neigungen dem Intellekt folgen, wie sie es würden, wenn der Intellekt Gottes Wesen sähe, welches seine Güte ist.
Antwort auf Einwand 4: Kummer bezeichnet keine Disposition, sondern eine Leidenschaft (Passion). Nun wird jede Leidenschaft beseitigt, wenn eine stärkere gegenteilige Ursache hinzukommt, und sie beseitigt jene Ursache nicht. Dementsprechend würde der Kummer der Verdammten beseitigt werden, wenn sie Gott in seinem Wesen sähen.
Antwort auf Einwand 5: Die Indisposition eines Organs beseitigt die natürliche Proportion des Organs zum Objekt, das eine natürliche Eignung hat zu gefallen, weshalb das Vergnügen gehindert wird. Aber die Indisposition, die in den Verdammten ist, beseitigt nicht die natürliche Proportion, wodurch sie auf die göttliche Güte hingeordnet sind, da ihr Bild immer in ihnen bleibt. Daher hinkt der Vergleich.