Suppl., q. 90 a. 1
Ob Christus in der Gestalt seiner Menschheit richten wird?
Quaestio 90 · Von der Gestalt des Richters beim Kommen zum Gericht
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht in der Gestalt seiner Menschheit richten wird. Denn das Gericht erfordert Autorität im Richter. Nun hat Christus Autorität über die Lebenden und die Toten als Gott, denn so ist er der Herr und Schöpfer aller. Also wird er in der Gestalt seiner Gottheit richten.
Einwand 2: Ferner ist unbesiegbare Macht in einem Richter erforderlich; weshalb geschrieben steht (Koh 7,6): "Suche nicht, Richter zu werden, wenn du nicht stark genug bist, das Unrecht auszurotten." Nun kommt unbesiegbare Macht Christus als Gott zu. Also wird er in der Gestalt der Gottheit richten.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Joh 5,22.23): "Der Vater ... hat das ganze Gericht dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren." Nun gebührt dem Sohn in Bezug auf seine menschliche Natur nicht die gleiche Ehre wie dem Vater. Also wird er nicht unter seiner menschlichen Gestalt richten.
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (Dan 7,9): "Ich sah, bis Throne aufgestellt wurden und der Hochbetagte sich setzte." Nun bezeichnen die Throne richterliche Gewalt, und Gott wird aufgrund seiner Ewigkeit der Hochbetagte genannt, gemäß Dionysius (Div. Nom. x). Also ziemt es dem Sohn zu richten, insofern er ewig ist; und folglich nicht als Mensch.
Einwand 5: Ferner sagt Augustinus (Tract. xix in Joan.), dass "die Auferstehung der Seele das Werk des Wortes, des Sohnes Gottes, ist, und die Auferstehung des Leibes das Werk des Wortes, das im Fleisch zum Menschensohn geworden ist." Nun betrifft das letzte Gericht eher die Seele als den Körper. Also ziemt es Christus eher als Gott zu richten denn als Mensch.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Joh 5,27): "Er hat ihm Macht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist."
Ferner steht geschrieben (Ijob 36,17): "Deine Sache ist gerichtet worden wie die eines Gottlosen – nämlich durch Pilatus", gemäß einer Glosse – daher: "Sache und Gericht wirst du wiedererlangen – damit du gerecht richtest", gemäß der Glosse. Nun wurde Christus von Pilatus in Bezug auf seine menschliche Natur gerichtet. Also wird er unter der menschlichen Natur richten.
Ferner kommt es demjenigen zu, zu richten, der das Gesetz gegeben hat. Nun gab uns Christus das Gesetz des Evangeliums, während er in der menschlichen Natur erschien. Also wird er unter eben dieser Natur richten.
Ich antworte darauf, dass das Gericht eine gewisse Autorität im Richter erfordert. Weshalb geschrieben steht (Röm 14,4): "Wer bist du, dass du den Knecht eines anderen richtest?" Daher ist es angemessen, dass Christus richtet, insofern er Autorität über die Menschen hat, auf die das letzte Gericht hauptsächlich gerichtet sein wird. Nun ist er unser Herr, nicht nur aufgrund der Schöpfung, da "der Herr Gott ist, er uns gemacht hat und nicht wir uns selbst" (Ps 99,3), sondern auch aufgrund der Erlösung, welche ihm in Bezug auf seine menschliche Natur zukommt. Weshalb "Christus zu diesem Zweck gestorben und wieder auferstanden ist, damit er Herr sei über Tote und Lebende" (Röm 14,9). Aber die Güter der Schöpfung würden uns nicht genügen, um den Lohn des ewigen Lebens zu erlangen, ohne die Hinzufügung der Wohltat der Erlösung, wegen des Hindernisses, das der geschaffenen Natur durch die Sünde unseres ersten Elternteils erwachsen ist. Da nun das letzte Gericht auf die Zulassung einiger zum Königreich und den Ausschluss anderer davon gerichtet ist, ist es angemessen, dass Christus diesem Gericht in der Gestalt seiner menschlichen Natur vorsteht, da der Mensch durch die Gunst der Erlösung eben dieser Natur zum Königreich zugelassen wird. In diesem Sinne wird gesagt (Apg 10,42), dass "er ... von Gott zum Richter über die Lebenden und die Toten bestimmt ist." Und insofern er durch die Erlösung der Menschheit nicht nur den Menschen, sondern alle Geschöpfe ohne Ausnahme wiederhergestellt hat – insofern alle Geschöpfe durch die Wiederherstellung des Menschen verbessert werden, gemäß Kol 1,20: "Er hat Frieden gestiftet am Kreuz durch sein Blut, sei es für das, was auf Erden, sei es für das, was im Himmel ist" – folgt daraus, dass Christus durch sein Leiden die Herrschaft und richterliche Gewalt nicht nur über den Menschen allein, sondern über alle Geschöpfe verdient hat, gemäß Mt 28,18: "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden" [*Vgl. TP, Frage [59]].
Antwort auf Einwand 1: Christus hat in Bezug auf seine göttliche Natur die Autorität der Herrschaft über alle Geschöpfe durch das Recht der Schöpfung; aber in Bezug auf seine menschliche Natur hat er die Autorität der Herrschaft, die er durch sein Leiden verdient hat. Letztere ist sozusagen sekundär und erworben, während erstere natürlich und ewig ist.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Christus als Mensch nicht aus sich selbst heraus unbesiegbare Macht besitzt, die aus der natürlichen Kraft der menschlichen Spezies resultiert, so ist doch auch in seiner menschlichen Natur eine unbesiegbare Macht, die von seiner Gottheit herrührt, wodurch alle Dinge seinen Füßen unterworfen sind (1 Kor 15,25-28; Hebr 2,8.9). Daher wird er zwar in seiner menschlichen Natur richten, aber durch die Kraft seiner Gottheit.
Antwort auf Einwand 3: Christus hätte für die Erlösung der Menschheit nicht ausgereicht, wäre er ein bloßer Mensch gewesen. Daher ist aus der bloßen Tatsache, dass er als Mensch fähig war, die Menschheit zu erlösen und dadurch richterliche Gewalt erlangte, offensichtlich, dass er Gott ist und folglich gleichermaßen mit dem Vater zu ehren ist, nicht als Mensch, sondern als Gott.
Antwort auf Einwand 4: In jener Vision Daniels ist die ganze Ordnung der richterlichen Gewalt klar ausgedrückt. Diese Gewalt ist in Gott selbst als ihrem ersten Ursprung, und ganz besonders im Vater, der der Quell der gesamten Gottheit ist; weshalb an erster Stelle gesagt wird, dass der "Hochbetagte sich setzte". Aber die richterliche Gewalt wurde vom Vater auf den Sohn übertragen, nicht nur von Ewigkeit her in Bezug auf die göttliche Natur, sondern auch in der Zeit in Bezug auf die menschliche Natur, worin er sie verdiente. Daher wird in der besagten Vision ferner gesagt (Dan 7,13.14): "Siehe, einer wie der Menschensohn kam mit den Wolken des Himmels, und er gelangte bis zu dem Hochbetagten ... Und er gab ihm Macht und Ehre und ein Reich."
Antwort auf Einwand 5: Augustinus spricht durch eine Art der Appropriation (Zuordnung), um die Wirkungen, die Christus in der menschlichen Natur vollbrachte, auf Ursachen zurückzuführen, die ihnen gewissermaßen ähnlich sind. Und da wir nach dem Bild und Gleichnis Gottes in Bezug auf unsere Seele gemacht sind und von derselben Spezies wie der Mensch Christus in Bezug auf unseren Körper sind, schreibt er der Gottheit die Wirkungen zu, die Christus in unseren Seelen vollbrachte, und jene, die er in unseren Körpern vollbrachte oder wirken wird, schreibt er seinem Fleisch zu; obwohl sein Fleisch, da es das Werkzeug seiner Gottheit ist, auch seine Wirkung auf unsere Seelen hat, wie Damascenus versichert (De Fide Orth. iii, 15), gemäß dem Wort von Hebr 9,14, dass sein "Blut" unser "Gewissen von toten Werken" gereinigt hat. Und so ist die Tatsache, dass "das Wort Fleisch geworden ist", die Ursache der Auferstehung der Seelen; weshalb er auch gemäß seiner menschlichen Natur angemessenerweise der Richter nicht nur der körperlichen, sondern auch der geistigen Güter ist [*Vgl. TP, Frage [56], Artikel [2], ad 1].