Suppl., q. 86 a. 3
Ob die Leiber der Verdammten leidensunfähig sein werden?
Quaestio 86 · Von der Beschaffenheit, in der die Leiber der Verdammten auferstehen werden.
Einwand 1: Es scheint, dass die Leiber der Verdammten leidensunfähig sein werden. Denn gemäß dem Philosophen (Topik vi) „führt die Zunahme des Leidens zum Verlust der Substanz“. Nun, „wenn ein endliches Ding fortwährend verringert wird, muss es notwendigerweise schließlich beseitigt werden“ (Physik i, 4). Wenn also die Leiber der Verdammten leidensfähig sein werden und immerfort leiden, werden sie schließlich beseitigt und verdorben werden: und dies ist als falsch erwiesen worden (Artikel 2). Daher werden sie leidensunfähig sein.
Einwand 2: Ferner macht jedes Wirkende das Leidende sich selbst ähnlich. Wenn also die Leiber der Verdammten gegenüber dem Feuer leidend sind, wird das Feuer sie sich selbst ähnlich machen. Nun verzehrt Feuer Körper nicht, außer insofern es sie auflöst, indem es sie sich selbst ähnlich macht. Wenn also die Leiber der Verdammten leidensfähig sein werden, werden sie schließlich vom Feuer verzehrt werden, und so folgt dieselbe Schlussfolgerung wie zuvor.
Einwand 3: Ferner werden jene Tiere, zum Beispiel der Salamander, von denen gesagt wird, dass sie lebend im Feuer bleiben, ohne zerstört zu werden, vom Feuer nicht gequält: weil ein Tier nicht durch körperlichen Schmerz gequält wird, es sei denn, der Körper wird dadurch in irgendeiner Weise verletzt. Wenn daher die Leiber der Verdammten, wie die vorgenannten Tiere, im Feuer bleiben können, ohne verdorben zu werden, wie Augustinus behauptet (De Civ. Dei xxi, 2,4), so scheint es, dass sie dort keine Qual erleiden werden: was nicht der Fall wäre, wenn ihre Leiber nicht leidensunfähig wären. Also usw.
Einwand 4: Ferner, wenn die Leiber der Verdammten leidensfähig sind, wird der Schmerz, der aus ihrem Leiden resultiert, scheinbar allen gegenwärtigen körperlichen Schmerz übertreffen, so wie die Freude der Heiligen alle gegenwärtige Freude übertreffen wird. Nun geschieht es in diesem Leben bisweilen, dass die Seele durch ein Übermaß an Schmerz vom Körper getrennt wird. Viel mehr also, wenn jene Leiber leidensfähig sein werden, werden die Seelen durch das Übermaß an Schmerz von den Leibern getrennt werden, und so werden jene Leiber verdorben werden: was falsch ist. Daher werden jene Leiber leidensunfähig sein.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (1 Kor 15,52): „Und wir werden verwandelt werden“: und eine Glosse sagt: „Wir – allein die Guten – werden verwandelt werden mit der Unveränderlichkeit und Leidensunfähigkeit der Herrlichkeit.“
Ferner, so wie der Leib mit der Seele im Verdienst zusammenwirkt, so wirkt er auch in der Sünde zusammen. Nun wird aufgrund des ersteren Zusammenwirkens nicht nur die Seele, sondern auch der Leib nach der Auferstehung belohnt werden. Daher werden in gleicher Weise die Leiber der Verdammten bestraft werden; was nicht der Fall wäre, wären sie leidensunfähig. Daher werden sie leidensfähig sein.
Ich antworte darauf, dass die Hauptursache dafür, dass die Leiber der Verdammten nicht vom Feuer verzehrt werden, die göttliche Gerechtigkeit sein wird, durch welche ihre Leiber der ewigen Strafe überantwortet werden. Nun wird der göttlichen Gerechtigkeit auch durch die natürliche Disposition gedient, sei es aufseiten des leidenden Körpers oder aufseiten der wirkenden Ursachen; denn da das Leiden eine Art von Empfänglichkeit ist, gibt es zwei Arten des Leidens, entsprechend zwei Weisen, in denen ein Ding für ein anderes empfänglich ist. Denn eine Form kann in einem Subjekt stofflich gemäß ihrem natürlichen Sein empfangen werden, so wie die Luft Hitze vom Feuer stofflich empfängt; und dieser Art des Empfangens entspricht eine Art des Leidens, die wir „Leiden der Natur“ nennen. Auf eine andere Weise wird ein Ding in einem anderen geistig im Wege einer „Intention“ empfangen, so wie das Abbild der Weiße in der Luft und in der Pupille empfangen wird: dieses Empfangen ist wie jenes, wodurch die Seele das Abbild der Dinge empfängt: weshalb diesem Modus des Empfangens ein anderer Modus des Leidens entspricht, den wir „Leiden der Seele“ nennen. Da es daher nach der Auferstehung und dem Aufhören der Himmelsbewegung für einen Körper unmöglich sein wird, durch seine natürliche Qualität verändert zu werden, wie oben dargelegt (Artikel 2), wird es für keinen Körper möglich sein, mit einem Leiden der Natur leidend zu sein. Folglich werden die Leiber der Verdammten hinsichtlich dieses Modus des Leidens leidensunfähig sein, so wie sie auch unvergänglich sein werden. Doch nachdem der Himmel aufgehört hat sich zu bewegen, wird noch jenes Leiden verbleiben, das nach der Art der Seele ist, da die Luft sowohl Licht von der Sonne empfangen als auch die Vielfalt der Farben zum Gesichtssinn leiten wird. Weshalb die Leiber der Verdammten in Bezug auf diesen Modus des Leidens leidensfähig sein werden. Aber die verherrlichten Leiber, obgleich sie etwas empfangen und in gewisser Weise für Empfindung leidend sind, werden dennoch nicht leidend sein, da sie nichts empfangen werden, was sie quält oder verletzt, wie es die Leiber der Verdammten tun werden, die aus diesem Grund leidensfähig genannt werden.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht von dem Leiden, wodurch das Leidende von seiner natürlichen Disposition verändert wird. Aber diese Art des Leidens wird nicht in den Leibern der Verdammten sein, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Das Abbild des Wirkenden ist auf zwei Weisen im Leidenden. Erstens auf dieselbe Weise wie im Wirkenden, und so ist es in allen gleichnamigen Wirkursachen, zum Beispiel macht ein Ding, das heiß ist, ein anderes Ding heiß, und Feuer erzeugt Feuer. Zweitens anders als im Wirkenden, und so ist es in allen ungleichnamigen Wirkursachen. In diesen geschieht es bisweilen, dass eine Form, die im Wirkenden geistig ist, im Leidenden stofflich empfangen wird: so ist die Form des vom Handwerker gebauten Hauses stofflich in sich selbst, aber geistig im Geist des Handwerkers. Andererseits ist sie bisweilen im Wirkenden stofflich, wird aber im Leidenden geistig empfangen: so ist die Weiße stofflich an der Wand, worin sie empfangen ist, wohingegen sie geistig in der Pupille und im übertragenden Medium ist. Und so verhält es sich im vorliegenden Fall, weil die Spezies, die im Feuer stofflich ist, geistig in den Leibern der Verdammten empfangen wird; so kommt es, dass das Feuer die Leiber der Verdammten sich selbst anähnelt, ohne sie jedoch zu verzehren.
Antwort auf Einwand 3: Gemäß dem Philosophen (De Prop. Element.) „kann kein Tier im Feuer leben“. Auch Galen (De simp. medic.) sagt, „dass es keinen Körper gibt, der nicht schließlich vom Feuer verzehrt wird“; obwohl bisweilen gewisse Körper ohne Verletzung im Feuer bleiben können, wie Ebenholz. Das Beispiel des Salamanders ist nicht ganz passend, da er nicht im Feuer bleiben kann, ohne zuletzt verzehrt zu werden, wie es die Leiber der Verdammten in der Hölle tun. Auch folgt nicht, dass, weil die Leiber der Verdammten keine Verderbnis durch das Feuer erleiden, sie deshalb nicht vom Feuer gequält werden, weil das sinnlich wahrnehmbare Objekt eine natürliche Eignung hat, den Sinnen zu gefallen oder zu missfallen, nicht nur hinsichtlich seiner natürlichen Wirkung der Anregung oder Verletzung des Organs, sondern auch hinsichtlich seiner geistigen Wirkung: da, wenn das sinnlich wahrnehmbare Objekt dem Sinn gebührend proportioniert ist, es gefällt, wohingegen das Gegenteil das Ergebnis ist, wenn es im Übermaß oder Mangel ist. Daher sind gedämpfte Farben und harmonische Klänge angenehm, wohingegen missklingende Töne dem Gehör missfallen.
Antwort auf Einwand 4: Schmerz trennt die Seele nicht vom Leib, insofern er auf eine Kraft der Seele beschränkt ist, die den Schmerz fühlt, sondern insofern das Leiden der Seele dazu führt, dass der Körper von seiner natürlichen Disposition verändert wird. So sehen wir, dass durch Zorn der Körper erhitzt und durch Furcht erkaltet wird: wohingegen es nach der Auferstehung unmöglich sein wird, dass der Körper von seiner natürlichen Disposition verändert wird, wie oben dargelegt (Artikel 2). Folglich wird der Schmerz, wie groß er auch sein mag, den Leib nicht von der Seele trennen.