Suppl., q. 85 a. 3
Ob ein verklärter Leib notwendigerweise von einem nicht verklärten Leib gesehen wird?
Quaestio 85 · Von der Klarheit der Leiber der Seligen
Einwand 1: Es scheint, dass ein verklärter Leib notwendigerweise von einem nicht verklärten Leib gesehen wird. Denn die verklärten Leiber werden lichtvoll sein. Nun offenbart ein lichtvoller Körper sich selbst und andere Dinge. Daher werden die verklärten Leiber notwendigerweise gesehen werden.
Einwand 2: Ferner wird jeder Körper, der andere Körper verbirgt, die sich hinter ihm befinden, notwendigerweise vom Sehvermögen wahrgenommen, allein schon durch die Tatsache, dass die anderen Dinge hinter ihm verborgen sind. Nun wird der verklärte Leib andere Körper, die hinter ihm sind, davor verbergen, gesehen zu werden, weil er ein farbiger Körper sein wird. Daher wird er notwendigerweise gesehen werden.
Einwand 3: Ferner, so wie die Quantität etwas in einem Körper ist, so ist es auch die Qualität, durch die ein Körper gesehen wird. Nun wird die Quantität nicht dem Willen unterworfen sein, so dass der verklärte Leib fähig wäre, von größerer oder kleinerer Quantität zu sein. Daher wird auch die Qualität der Sichtbarkeit nicht dem Willen unterworfen sein, so dass ein Leib fähig wäre, nicht gesehen zu werden.
Dagegen spricht, dass unser Leib verklärt werden wird, indem er dem Leib Christi nach der Auferstehung gleichgestaltet wird. Nun wurde der Leib Christi nach der Auferstehung nicht notwendigerweise gesehen; tatsächlich entschwand er den Augen der Jünger in Emmaus (Lk 24,31). Daher wird auch der verklärte Leib nicht notwendigerweise gesehen werden.
Ferner wird der Leib dort in völligem Gehorsam gegenüber dem Willen sein. Daher wird der Leib sichtbar oder unsichtbar sein, wie es der Seele beliebt.
Ich antworte darauf, Ein sichtbares Objekt wird gesehen, insofern es auf das Sehvermögen einwirkt. Nun gibt es keine Veränderung in einem Ding dadurch, dass es auf ein äußeres Objekt einwirkt oder nicht einwirkt. Daher kann ein verklärter Leib gesehen oder nicht gesehen werden, ohne dass irgendeine Eigenschaft, die zu seiner Vollkommenheit gehört, verändert wird. Folglich wird es in der Macht einer verklärten Seele stehen, dass ihr Leib gesehen oder nicht gesehen wird, so wie auch jede andere Handlung des Leibes in der Macht der Seele stehen wird; andernfalls wäre der verklärte Leib kein vollkommen gehorsames Werkzeug seines Hauptwirkenden.
Antwort auf Einwand 1: Diese Klarheit wird dem verklärten Leib gehorsam sein, so dass dieser fähig sein wird, sie zu zeigen oder zu verbergen.
Antwort auf Einwand 2: Die Farbe eines Körpers verhindert nicht, dass er durchsichtig ist, außer insofern sie das Sehvermögen affiziert, weil das Sehvermögen nicht von zwei Farben zur gleichen Zeit affiziert werden kann, so dass es beide vollkommen wahrnimmt. Aber die Farbe des verklärten Leibes wird vollständig in der Macht der Seele sein, so dass sie dadurch auf das Sehvermögen einwirken oder nicht einwirken kann. Daher wird es in ihrer Macht stehen, einen Körper, der sich dahinter befindet, zu verbergen oder nicht zu verbergen.
Antwort auf Einwand 3: Die Quantität wohnt dem verklärten Leib selbst inne, noch wäre es möglich, dass die Quantität auf Geheiß der Seele verändert würde, ohne dass der verklärte Leib eine Veränderung erleidet, die mit seiner Leidensunfähigkeit unvereinbar ist. Daher gibt es keinen Vergleich zwischen Quantität und Sichtbarkeit, denn auch diese Qualität, durch die er sichtbar ist, kann nicht auf Geheiß der Seele entfernt werden, sondern die Wirkung jener Qualität wird ausgesetzt werden, und so wird der Leib auf Befehl der Seele verborgen sein.