Suppl., q. 75 a. 3
Ob die Auferstehung natürlich ist?
Quaestio 75 · Von der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint, dass die Auferstehung natürlich ist. Denn wie der Damaszener sagt (De Fide Orth. III, 14): „Das, was allgemein bei allen beobachtet wird, kennzeichnet die Natur der Individuen, die darunter enthalten sind.“ Nun kommt die Auferstehung allgemein allen zu. Also ist sie natürlich.
Einwand 2: Ferner sagt Gregor (Moral. XIV, 55): „Jene, welche die Auferstehung nicht aus dem Prinzip des Gehorsams annehmen, sollten sie gewiss aus dem Prinzip der Vernunft annehmen. Denn was tut die Welt jeden Tag anderes, als in ihren Elementen unsere Auferstehung nachzuahmen?“ Und er führt als Beispiele das Licht an, das „gleichsam stirbt ... und unserem Blick entzogen wird ... und gleichsam wieder neu aufgeht und zurückgerufen wird – die Sträucher, die ihr Grün verlieren und durch eine Art Auferstehung wieder erneuert werden – und die Samen, die verfaulen und sterben und dann sprießen und gleichsam wieder auferstehen“: welches selbe Beispiel vom Apostel angeführt wird (1 Kor 15,36). Nun kann aus den Werken der Natur nichts erkannt werden außer dem, was natürlich ist. Also ist die Auferstehung natürlich.
Einwand 3: Ferner haben Dinge, die gegen die Natur sind, keinen langen Bestand, weil sie gewaltsam sind, sozusagen. Aber das Leben, das durch die Auferstehung wiederhergestellt wird, wird ewig dauern. Also wird die Auferstehung natürlich sein.
Einwand 4: Ferner scheint das, worauf die gesamte Erwartung der Natur vorausschaut, natürlich zu sein. Nun ist ein solches Ding die Auferstehung und die Verherrlichung der Heiligen gemäß Röm 8,19. Also wird die Auferstehung natürlich sein.
Einwand 5: Ferner ist die Auferstehung eine Art Bewegung hin zur ewigen Vereinigung von Seele und Leib. Nun ist eine Bewegung natürlich, wenn sie in einer natürlichen Ruhe endet (Phys. V, 6): und die ewige Vereinigung von Seele und Leib wird natürlich sein, denn da die Seele der eigene Beweger des Leibes ist, hat sie einen ihr angemessenen Leib: so dass der Leib ebenso für immer fähig ist, von ihr belebt zu werden, wie die Seele für immer lebt. Also wird die Auferstehung natürlich sein.
Dagegen spricht: Es gibt keine natürliche Rückkehr von der Beraubung zum Habitus. Aber der Tod ist die Beraubung des Lebens. Also ist die Auferstehung, durch die man vom Tod zum Leben zurückkehrt, nicht natürlich.
Ferner haben Dinge einer Spezies einen festen Weg des Ursprungs: weshalb Tiere, die aus Fäulnis gezeugt werden, niemals von derselben Spezies sind wie jene, die aus Samen gezeugt werden, wie der Kommentator zu Phys. VIII sagt. Nun ist der natürliche Weg des menschlichen Ursprungs, dass er von einem Gleichen in der Spezies gezeugt wird: und dies ist bei der Auferstehung nicht der Fall. Also wird sie nicht natürlich sein.
Ich antworte darauf: Eine Bewegung oder eine Handlung verhält sich auf dreifache Weise zur Natur. Denn es gibt eine Bewegung oder Handlung, deren Prinzip noch deren Endpunkt (Terminus) die Natur ist: und eine solche Bewegung ist manchmal von einem Prinzip über der Natur, wie im Fall eines verherrlichten Leibes; und manchmal von irgendeinem anderen Prinzip, zum Beispiel die gewaltsame Aufwärtsbewegung eines Steins, die in einer gewaltsamen Ruhe endet. Wiederum gibt es eine Bewegung, deren Prinzip und Endpunkt die Natur ist: zum Beispiel die Abwärtsbewegung eines Steins. Und es gibt eine andere Bewegung, deren Endpunkt die Natur ist, aber nicht das Prinzip, wobei letzteres manchmal etwas über der Natur ist (wie beim Geben des Augenlichts an einen Blinden, denn das Sehen ist natürlich, aber das Prinzip des Sehend-Machens ist über der Natur), und manchmal etwas anderes, wie beim Treiben von Blumen oder Früchten durch künstliche Verfahren. Es ist unmöglich, dass die Natur das Prinzip ist und nicht der Endpunkt, weil natürliche Prinzipien auf bestimmte Wirkungen hin geordnet sind, über die hinaus sie sich nicht erstrecken können.
Dementsprechend kann die Handlung oder Bewegung, die sich auf die erste Weise zur Natur verhält, in keiner Weise natürlich sein, sondern ist entweder wunderbar, wenn sie von einem Prinzip über der Natur kommt, oder gewaltsam, wenn von irgendeinem anderen Prinzip. Die Handlung oder Bewegung, die sich auf die zweite Weise zur Natur verhält, ist schlechthin natürlich: aber die Handlung, die sich auf die dritte Weise zur Natur verhält, kann nicht als schlechthin natürlich bezeichnet werden, sondern als natürlich in einem eingeschränkten Sinn, insofern sie nämlich zu dem führt, was gemäß der Natur ist: aber sie wird entweder wunderbar oder künstlich oder gewaltsam genannt. Denn eigentlich gesprochen ist das natürlich, was gemäß der Natur ist, und ein Ding ist gemäß der Natur, wenn es jene Natur und alles hat, was aus jener Natur resultiert (Phys. II, 1). Folglich kann eine Bewegung, schlechthin gesprochen, nicht als natürlich bezeichnet werden, wenn ihr Prinzip nicht natürlich ist.
Nun kann die Natur nicht das Prinzip der Auferstehung sein, obwohl die Auferstehung im Leben der Natur endet. Denn die Natur ist das Prinzip der Bewegung in dem Ding, worin die Natur ist – entweder das aktive Prinzip, wie bei der Bewegung schwerer und leichter Körper und bei den natürlichen Veränderungen der Tiere – oder das passive Prinzip, wie bei der Zeugung einfacher Körper. Das passive Prinzip der natürlichen Zeugung ist die natürliche passive Potenz, der immer ein aktives Prinzip in der Natur entspricht, gemäß Metaphysik VIII, 1: und hierbei spielt es keine Rolle, ob das aktive Prinzip in der Natur dem passiven Prinzip hinsichtlich seiner letzten Vollkommenheit, nämlich der Form, entspricht; oder hinsichtlich einer Disposition, kraft derer es die letzte Form verlangt, wie bei der Zeugung eines Menschen gemäß der Lehre des Glaubens, oder bei allen anderen Zeugungen gemäß den Meinungen von Platon und Avicenna. Aber in der Natur gibt es kein aktives Prinzip der Auferstehung, weder hinsichtlich der Vereinigung der Seele mit dem Leib noch hinsichtlich der Disposition, die das Verlangen nach jener Vereinigung ist: da eine solche Disposition von der Natur nicht hervorgebracht werden kann, außer auf einem bestimmten Weg durch den Prozess der Zeugung aus dem Samen. Weshalb selbst bei Annahme einer passiven Potenz seitens des Körpers oder irgendeiner Art von Neigung zu seiner Vereinigung mit der Seele, diese nicht derart ist, dass sie für die Bedingungen einer natürlichen Bewegung ausreicht. Daher ist die Auferstehung, streng gesprochen, wunderbar und nicht natürlich, außer in einem eingeschränkten Sinn, wie wir erklärt haben.
Antwort auf Einwand 1: Der Damaszener spricht von jenen Dingen, die in allen Individuen gefunden werden und durch die Prinzipien der Natur verursacht sind. Denn angenommen, durch eine göttliche Wirkung würden alle Menschen weiß gemacht oder an einem Ort versammelt, wie es zur Zeit der Sintflut geschah, so würde daraus nicht folgen, dass Weißsein oder das Existieren an einem bestimmten Ort eine natürliche Eigenschaft des Menschen ist.
Antwort auf Einwand 2: Von natürlichen Dingen kommt man nicht durch einen Beweis der Vernunft zur Erkenntnis nicht-natürlicher Dinge, aber durch die Induktion der Vernunft kann man etwas über der Natur erkennen, da das Natürliche eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Übernatürlichen trägt. So ähnelt die Vereinigung von Seele und Leib der Vereinigung der Seele mit Gott durch die Herrlichkeit des Genusses, wie der Magister sagt (Sent. II, D. 1): und in gleicher Weise sind die Beispiele, die vom Apostel und von Gregor angeführt werden, bestätigende Zeugnisse unseres Glaubens an die Auferstehung.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrifft eine Operation, die in etwas endet, das nicht natürlich, sondern gegen die Natur ist. Dies ist bei der Auferstehung nicht der Fall, und daher trifft das Argument nicht den Punkt.
Antwort auf Einwand 4: Die gesamte Operation der Natur ist der göttlichen Operation untergeordnet, so wie das Wirken einer niederen Kunst dem Wirken einer höheren Kunst untergeordnet ist. Daher, so wie alles Werk einer niederen Kunst ein Ziel im Auge hat, das nicht erreichbar ist außer durch die Operation der höheren Kunst, die die Form hervorbringt oder Gebrauch macht von dem, was durch Kunst gemacht wurde: so ist das letzte Ziel, das die ganze Erwartung der Natur im Auge hat, durch die Operation der Natur unerreichbar, und aus diesem Grund ist das Erreichen desselben nicht natürlich.
Antwort auf Einwand 5: Obwohl es keine natürliche Bewegung geben kann, die in einer gewaltsamen Ruhe endet, kann es eine nicht-natürliche Bewegung geben, die in einer natürlichen Ruhe endet, wie oben erklärt wurde.