Suppl., q. 75 a. 1
Ob es eine Auferstehung des Leibes geben wird?
Quaestio 75 · Von der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint, dass es keine Auferstehung des Leibes geben wird; denn es steht geschrieben (Ijob 14,12): „Der Mensch, wenn er entschlafen ist, wird nicht wieder aufstehen, bis der Himmel zerbrochen wird.“ Aber der Himmel wird niemals zerbrochen werden, da die Erde, auf die dies scheinbar noch weniger zutrifft, „in Ewigkeit steht“ (Koh 1,4). Also wird der Mensch, der gestorben ist, niemals wieder auferstehen.
Einwand 2: Ferner beweist unser Herr die Auferstehung durch das Zitat der Worte: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mt 22,32; Ex 3,6). Es ist aber klar, dass, als diese Worte gesprochen wurden, Abraham, Isaak und Jakob nicht dem Leibe nach lebten, sondern nur der Seele nach. Also wird es keine Auferstehung der Leiber geben, sondern nur der Seelen.
Einwand 3: Ferner beweist der Apostel (1 Kor 15) die Auferstehung scheinbar aus dem Lohn für die Mühen, die die Heiligen in diesem Leben erduldet haben. Denn wenn sie nur auf dieses Leben hofften, wären sie die elendesten aller Menschen. Nun kann aber ein hinreichender Lohn für die Mühe allein in der Seele liegen: denn es ist nicht notwendig, dass das Werkzeug zusammen mit dem Arbeiter entlohnt wird, und der Leib ist das Werkzeug der Seele. Daher wird selbst im Fegefeuer, wo die Seelen für das bestraft werden, was sie im Leibe getan haben, die Seele ohne den Leib bestraft. Also ist es nicht notwendig, eine Auferstehung des Leibes anzunehmen, sondern es genügt, eine Auferstehung der Seelen anzunehmen, die darin besteht, dass sie vom Tod der Sünde und des Elends zum Leben der Gnade und der Herrlichkeit aufgenommen werden.
Einwand 4: Ferner ist der letzte Zustand eines Dinges der vollkommenste, da es dadurch sein Ziel erreicht. Nun ist der vollkommenste Zustand der Seele, vom Leib getrennt zu sein, da sie in diesem Zustand Gott und den Engeln gleichförmiger ist und reiner ist, da sie von jeder fremden Natur getrennt ist. Also ist die Trennung vom Leib ihr Endzustand, und folglich kehrt sie aus diesem Zustand nicht zum Leib zurück, wie auch ein Mann nicht wieder zum Knaben wird.
Einwand 5: Ferner ist der leibliche Tod die Strafe, die dem Menschen für seine eigene Übertretung auferlegt wurde, wie aus Gen 2 hervorgeht, so wie der geistliche Tod, der die Trennung der Seele von Gott ist, dem Menschen für die Todsünde auferlegt wird. Nun kehrt der Mensch vom geistlichen Tod niemals zum Leben zurück, nachdem er das Urteil seiner Verdammnis empfangen hat. Also wird es auch keine Rückkehr vom leiblichen Tod zum leiblichen Leben geben, und so wird es keine Auferstehung geben.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Ijob 19,25-26): „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und am jüngsten Tag werde ich aus der Erde auferstehen, und ich werde wieder mit meiner Haut umkleidet werden“ usw. Also wird es eine Auferstehung des Leibes geben.
Ferner ist die Gabe Christi größer als die Sünde Adams, wie aus Röm 5,15 hervorgeht. Nun wurde der Tod durch die Sünde eingeführt, denn wenn die Sünde nicht gewesen wäre, hätte es keinen Tod gegeben. Also wird der Mensch durch die Gabe Christi vom Tod zum Leben wiederhergestellt werden.
Ferner müssen die Glieder dem Haupt gleichgestaltet sein. Nun lebt unser Haupt und wird ewig an Leib und Seele leben, da „Christus, von den Toten auferstanden, nun nicht mehr stirbt“ (Röm 6,9). Also werden die Menschen, die seine Glieder sind, an Leib und Seele leben; und folglich muss es notwendigerweise eine Auferstehung des Leibes geben.
Ich antworte darauf: Gemäß den verschiedenen Meinungen über das letzte Ziel des Menschen gab es verschiedene Meinungen, die die Auferstehung bejahten oder leugneten. Denn das letzte Ziel des Menschen, das alle Menschen von Natur aus begehren, ist die Glückseligkeit. Einige haben behauptet, dass der Mensch dieses Ziel in diesem Leben erreichen könne: weshalb sie keine Notwendigkeit sahen, ein anderes Leben nach diesem anzunehmen, in dem der Mensch seine Vollkommenheit erreichen könnte: und so leugneten sie die Auferstehung.
Diese Meinung wird mit hinreichender Wahrscheinlichkeit widerlegt durch die Wandelbarkeit des Glücks, die Schwäche des menschlichen Körpers, die Unvollkommenheit und Unbeständigkeit von Wissen und Tugend, die alle Hindernisse für die Vollkommenheit der Glückseligkeit sind, wie Augustinus am Ende von De Civitate Dei (XXII, 22) darlegt.
Daher behaupteten andere, dass es nach diesem Leben ein anderes Leben gibt, in dem der Mensch nach dem Tod nur der Seele nach lebt, und sie hielten dafür, dass ein solches Leben genüge, um das natürliche Verlangen nach Glückseligkeit zu befriedigen: weshalb Porphyrius sagte, wie Augustinus angibt (De Civ. Dei XXII, 26): „Um glücklich zu sein, muss die Seele jeden Körper fliehen“: und folglich nahmen diese die Auferstehung nicht an.
Diese Meinung wurde von verschiedenen Leuten auf verschiedene falsche Grundlagen gestützt. Denn gewisse Häretiker behaupteten, dass alle körperlichen Dinge vom bösen Prinzip stammen, die geistigen Dinge aber vom guten Prinzip: und daraus folgt, dass die Seele die Höhe ihrer Vollkommenheit nicht erreichen kann, wenn sie nicht vom Leib getrennt wird, da dieser sie von ihrem Prinzip wegzieht, dessen Teilhabe sie glücklich macht. Daher leugnen alle jene häretischen Sekten, die behaupten, körperliche Dinge seien vom Teufel geschaffen oder gebildet worden, die Auferstehung des Leibes. Die Falschheit dieses Prinzips wurde am Anfang des zweiten Buches gezeigt (Sent. II, D. 1, qu. 1, a. 4; vgl. S. Th. I, q. 49, a. 3).
Andere sagten, dass die gesamte Natur des Menschen in der Seele sitze, so dass die Seele den Körper als Werkzeug benutze oder wie ein Seemann sein Schiff benutzt: weshalb gemäß dieser Meinung folgt, dass, wenn die Glückseligkeit von der Seele allein erreicht wird, der Mensch in seinem natürlichen Verlangen nach Glückseligkeit nicht enttäuscht würde, und so keine Notwendigkeit besteht, die Auferstehung anzunehmen. Aber der Philosoph zerstört dieses Fundament hinreichend (De Anima II, 2), wo er zeigt, dass die Seele mit dem Leib wie die Form mit der Materie vereint ist. Daher ist es klar, dass, wenn der Mensch in diesem Leben nicht glücklich sein kann, wir notwendigerweise die Auferstehung annehmen müssen.
Antwort auf Einwand 1: Der Himmel wird niemals seiner Substanz nach zerbrochen werden, sondern hinsichtlich der Wirkung seiner Kraft, wodurch seine Bewegung die Ursache von Entstehen und Vergehen der niederen Dinge ist: aus diesem Grund sagt der Apostel (1 Kor 7,31): „Die Gestalt dieser Welt vergeht.“
Antwort auf Einwand 2: Die Seele Abrahams ist, eigentlich gesprochen, nicht Abraham selbst, sondern ein Teil von ihm (und dasselbe gilt für die anderen). Daher genügt das Leben in der Seele Abrahams nicht, um Abraham zu einem lebenden Wesen zu machen oder um den Gott Abrahams zum Gott eines lebenden Menschen zu machen. Sondern es muss Leben im ganzen Kompositum sein, d.h. in Seele und Leib: und obwohl dieses Leben nicht aktuell war, als diese Worte gesprochen wurden, war es doch in jedem Teil als auf die Auferstehung hingeordnet vorhanden. Weshalb unser Herr die Auferstehung mit größter Feinheit und Wirksamkeit beweist.
Antwort auf Einwand 3: Die Seele wird mit dem Leib nicht nur wie ein Arbeiter mit dem Werkzeug verglichen, mit dem er arbeitet, sondern auch wie die Form mit der Materie: weshalb das Werk dem Kompositum gehört und nicht der Seele allein, wie der Philosoph zeigt (De Anima I, 4). Und da dem Arbeiter der Lohn für das Werk gebührt, geziemt es sich für den Menschen selbst, der aus Seele und Leib zusammengesetzt ist, den Lohn für sein Werk zu empfangen. Wie nun lässliche Vergehen Sünden genannt werden, da sie Dispositionen zur Sünde sind und nicht schlechthin und vollkommen den Charakter der Sünde haben, so ist die Strafe, die ihnen im Fegefeuer zuerkannt wird, keine Vergeltung schlechthin, sondern eher eine Reinigung, die getrennt am Leib durch den Tod und durch seine Reduktion zu Asche und an der Seele durch das Feuer des Fegefeuers gewirkt wird.
Antwort auf Einwand 4: Unter sonst gleichen Umständen ist der Zustand der Seele im Leib vollkommener als außerhalb des Leibes, weil sie ein Teil des ganzen Kompositums ist; und jeder integrale Teil ist materiell im Vergleich zum Ganzen: und auch wenn sie Gott in einer Hinsicht gleichförmiger wäre, ist sie es nicht schlechthin. Denn streng genommen ist ein Ding Gott gleichförmiger, wenn es alles hat, was die Bedingung seiner Natur erfordert, da es dann am meisten die göttliche Vollkommenheit nachahmt. Daher ist das Herz eines Tieres einem unbeweglichen Gott gleichförmiger, wenn es in Bewegung ist, als wenn es ruht, weil die Vollkommenheit des Herzens in seiner Bewegung liegt und seine Ruhe sein Untergang ist.
Antwort auf Einwand 5: Der leibliche Tod wurde durch Adams Sünde herbeigeführt, die durch den Tod Christi getilgt wurde: daher dauert seine Strafe nicht ewig. Aber die Todsünde, die durch Unbußfertigkeit den ewigen Tod verursacht, wird hernach nicht gesühnt werden. Daher wird jener Tod ewig sein.