Suppl., q. 73 a. 3
Ob die Kräfte des Himmels bewegt werden, wenn unser Herr kommen wird?
Quaestio 73 · Von den Zeichen, die dem Gericht vorausgehen werden.
Einwand 1: Es scheint, dass die Kräfte des Himmels nicht bewegt werden, wenn unser Herr kommen wird. Denn die Kräfte des Himmels können nur die seligen Engel bezeichnen. Nun ist Unbeweglichkeit wesentlich für die Seligkeit. Also wird es unmöglich sein, dass sie bewegt werden.
Einwand 2: Ferner ist Unwissenheit die Ursache des Staunens (Metaph. i, 2). Nun ist Unwissenheit, wie Furcht, fern von den Engeln, denn wie Gregor sagt (Dial. iv, 33; Moral. ii, 3): „Was sehen jene nicht, die Den sehen, der alles sieht.“ Also wird es unmöglich sein, dass sie durch Staunen bewegt werden, wie im Text dargelegt (Sent. iv, D, 48).
Einwand 3: Ferner werden alle Engel beim göttlichen Gericht anwesend sein; weshalb gesagt wird (Offb 7,11): „Alle Engel standen rings um den Thron.“ Nun bezeichnen die „Kräfte“ (Virtutes) eine bestimmte Ordnung der Engel. Also sollte von ihnen nicht eher als von anderen gesagt werden, dass sie bewegt werden.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ijob 26,11): „Die Säulen des Himmels erzittern und erschrecken vor seinem Wink.“ Nun können die Säulen des Himmels nur die Kräfte des Himmels bezeichnen. Also werden die Kräfte des Himmels bewegt werden.
Ferner steht geschrieben (Mt 24,29): „Die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden bewegt (erschüttert) werden.“
Ich antworte darauf, dass „Kraft“ (virtus) in Bezug auf die Engel zweifach verstanden wird, wie Dionysius darlegt (Coel. Hier. xi). Denn manchmal wird der Name „Kräfte“ (Virtutes) einer Ordnung zugeeignet, die nach ihm die mittlere Ordnung der mittleren Hierarchie ist, aber nach Gregor (Hom. in Evang. xxxiv) die höchste Ordnung der untersten Hierarchie. In einem anderen Sinne wird er verwendet, um alle Engel zu bezeichnen: und dann wird gesagt, dass sie bewegt werden. In Bezug auf die fragliche Sache kann es auf beide Weisen verstanden werden. Denn im Text (Sent. iv, D, 48) wird es gemäß der zweiten Bedeutung erklärt, so dass es alle Engel bezeichnet: und dann wird gesagt, dass sie durch Staunen über die Erneuerung der Welt bewegt werden, wie im Text dargelegt. Es kann auch in Bezug auf „Kraft“ als Name einer bestimmten Ordnung erklärt werden; und dann wird gesagt, dass jene Ordnung mehr als die anderen bewegt wird aufgrund der Wirkung, da wir nach Gregor (Hom. in Evang. xxxiv) jener Ordnung das Wirken von Wundern zuschreiben, die besonders um jene Zeit gewirkt werden: oder wiederum, weil jene Ordnung – da sie nach Dionysius (Coel. Hier. xi) zur mittleren Hierarchie gehört – in ihrer Macht nicht beschränkt ist, weshalb ihr Dienst universale Ursachen betreffen muss. Folglich ist das eigentliche Amt der „Kräfte“ (Virtutes) anscheinend, die Himmelskörper zu bewegen, welche die Ursache dessen sind, was in der Natur hier unten geschieht. Und wiederum bezeichnet der Name selbst dies, da sie die „Kräfte des Himmels“ genannt werden. Demgemäß werden sie dann bewegt werden, weil sie ihre Wirkung nicht mehr hervorbringen werden, indem sie aufhören, die Himmelskörper zu bewegen: so wie auch die Engel, die dazu bestimmt sind, über die Menschen zu wachen, das Amt der Wächter nicht mehr erfüllen werden.
Zu Einwand 1: Diese Bewegung ändert nichts, was zu ihrem Zustand gehört; sondern bezieht sich entweder auf ihre Wirkungen, die variieren können ohne irgendeine Änderung ihrerseits, oder auf eine neue Betrachtung der Dinge, die sie bisher mittels ihrer eingeschaffenen Spezies nicht sehen konnten, welcher Gedankenwechsel ihnen durch ihren Zustand der Seligkeit nicht genommen ist. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. viii, 20), dass „Gott die geistige Kreatur durch die Zeit bewegt.“
Zu Einwand 2: Staunen bezieht sich gewöhnlich auf Dinge, die unser Wissen oder Können übersteigen: und dementsprechend werden die Kräfte des Himmels über die göttliche Macht staunen, die solche Dinge tut, insofern sie es verfehlen, diese zu tun oder zu begreifen. In diesem Sinne sagte die selige Agnes, dass „Sonne und Mond über seine Schönheit staunen“: und dies impliziert keine Unwissenheit in den Engeln, sondern nimmt das umfassende Begreifen Gottes von ihnen weg.
Die Antwort auf den dritten Einwand ergibt sich aus dem Gesagten.