Suppl., q. 5 a. 3
Ob geringe Reue ausreicht, um große Sünden zu tilgen?
Quaestio 5 · Von der Wirkung der Reue
Einwand 1: Es scheint, dass geringe Reue nicht ausreicht, um große Sünden zu tilgen. Denn Reue ist das Heilmittel für die Sünde. Nun reicht ein körperliches Heilmittel, das ein geringeres körperliches Gebrechen heilt, nicht aus, um ein größeres zu heilen. Also reicht die geringste Reue nicht aus, um sehr große Sünden zu tilgen.
Einwand 2: Ferner wurde oben dargelegt (Q. 3, A. 3), dass man für größere Sünden größere Reue haben muss. Nun tilgt die Reue die Sünde nicht, wenn sie nicht die erforderlichen Bedingungen erfüllt. Also tilgt die geringste Reue nicht alle Sünden.
Dagegen spricht: Jede heiligmachende Gnade tilgt jede Todsünde, weil sie mit ihr unvereinbar ist. Nun wird jede Reue durch die heiligmachende Gnade belebt. Also tilgt sie, wie gering sie auch sei, alle Sünden.
Ich antworte darauf, dass, wie wir oft gesagt haben (Q. 1, A. 2, ad 1; Q. 3, A. 1; Q. 4, A. 1), die Reue einen zweifachen Schmerz einschließt. Einer ist in der Vernunft und ist das Missfallen an der begangenen Sünde. Dieser kann so gering sein, dass er nicht für eine wahre Reue ausreicht, z. B. wenn eine Sünde einem Menschen weniger missfiele, als die Trennung von seinem letzten Ziel missfallen sollte; so wie die Liebe so lau sein kann, dass sie nicht für die wahre Caritas ausreicht. Der andere Schmerz ist in der Sinnlichkeit, und die Geringfügigkeit dessen ist kein Hindernis für die wahre Reue, weil er an sich nicht wesentlich zur Reue gehört, sondern akzidentell mit ihr verbunden ist; noch steht er unter unserer Kontrolle. Demnach müssen wir sagen, dass der Schmerz, wie gering er auch sei, vorausgesetzt er reicht für die wahre Reue aus, alle Sünde tilgt.
Antwort auf Einwand 1: Geistliche Heilmittel beziehen unendliche Wirksamkeit aus der unendlichen Kraft, die in ihnen wirkt; weshalb das Heilmittel, das zur Heilung einer geringen Sünde ausreicht, auch ausreicht, um eine große Sünde zu heilen. Dies sieht man bei der Taufe, die Großes und Kleines löst; und dasselbe gilt für die Reue, vorausgesetzt sie erfüllt die notwendigen Bedingungen.
Antwort auf Einwand 2: Es folgt notwendigerweise, dass ein Mensch über eine größere Sünde mehr trauert als über eine geringere, je nachdem, wie sehr sie der Liebe widerspricht, die seinen Schmerz verursacht. Wenn aber jemand denselben Grad an Schmerz für eine größere Sünde hat, wie ein anderer für eine geringere, so würde dies für den Erlass der Sünde ausreichen.