Suppl., q. 5 a. 1
Ob die Vergebung der Sünde eine Wirkung der Reue ist?
Quaestio 5 · Von der Wirkung der Reue
Einwand 1: Es scheint, dass die Vergebung der Sünde nicht die Wirkung der Reue ist. Denn Gott allein vergibt Sünden. Wir aber sind gewissermaßen die Ursache der Reue, da sie ein Akt von uns selbst ist. Also ist die Reue nicht die Ursache der Vergebung.
Einwand 2: Ferner ist die Reue ein Akt der Tugend. Nun folgt die Tugend der Vergebung der Sünde nach, weil Tugend und Sünde nicht zugleich in der Seele sind. Also ist die Reue nicht die Ursache der Vergebung der Sünde.
Einwand 3: Ferner ist nichts außer der Sünde ein Hindernis für den Empfang der Eucharistie. Aber die Reuigen sollten nicht zur Kommunion gehen, bevor sie zur Beichte gegangen sind. Also haben sie die Vergebung ihrer Sünden noch nicht empfangen.
Dagegen spricht eine Glosse zu Ps 50,19: „Ein Opfer für Gott ist ein geängsteter Geist“, welche besagt: „Eine herzliche Reue ist das Opfer, durch welches die Sünden gelöst werden.“
Ferner werden Tugend und Laster durch dieselben Ursachen erzeugt und vernichtet, wie in Ethik II, 1,2 dargelegt wird. Nun wird die Sünde durch die ungeordnete Liebe des Herzens begangen. Also wird sie durch den Schmerz zerstört, der durch die geordnete Liebe des Herzens verursacht wird; und folglich tilgt die Reue die Sünde.
Ich antworte darauf, dass die Reue auf zweifache Weise betrachtet werden kann: entweder als Teil eines Sakraments oder als Akt der Tugend, und in beiden Fällen ist sie die Ursache der Vergebung der Sünde, jedoch nicht auf dieselbe Weise. Denn als Teil eines Sakraments wirkt sie primär als Werkzeug für die Vergebung der Sünde, wie es bei den anderen Sakramenten offensichtlich ist (vgl. Sent. iv, D, 1, Q. 1, A. 4; TP, Q. 62, A. 1); während sie als Akt der Tugend gleichsam die materielle Ursache der Sündenvergebung ist. Denn eine Disposition ist gleichsam eine notwendige Bedingung für die Rechtfertigung, und eine Disposition wird auf die materielle Ursache zurückgeführt, wenn sie als das verstanden wird, was die Materie disponiert, etwas zu empfangen. Anders verhält es sich bei der Disposition eines Agens zum Handeln, weil diese auf die Gattung der Wirkursache zurückgeführt wird.
Antwort auf Einwand 1: Gott allein ist die hauptsächliche Wirkursache der Vergebung der Sünde; aber die dispositive Ursache kann auch von uns sein, und ebenso die sakramentale Ursache, da die sakramentalen Formen von uns ausgesprochene Worte sind, die eine instrumentelle Kraft haben, Gnade zu verleihen, durch welche die Sünden vergeben werden.
Antwort auf Einwand 2: Die Vergebung der Sünde geht der Tugend und der Eingießung der Gnade auf eine Weise voraus und folgt ihr auf eine andere nach; und insofern sie nachfolgt, kann der durch die Tugend hervorgebrachte Akt eine Ursache der Vergebung der Sünde sein.
Antwort auf Einwand 3: Die Spendung der Eucharistie obliegt den Dienern der Kirche; weshalb ein Mensch nicht zur Kommunion gehen sollte, bis seine Sünde durch die Diener der Kirche vergeben ist, obwohl ihm seine Sünde vor Gott bereits vergeben sein mag.