Suppl., q. 30 a. 1
Ob die Letzte Ölung zur Vergebung der Sünden dient?
Quaestio 30 · Von der Wirkung dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass die Letzte Ölung nicht zur Vergebung der Sünden dient. Denn wenn eine Sache durch ein Mittel erreicht werden kann, ist kein anderes nötig. Nun ist beim Empfänger der Letzten Ölung die Reue zur Vergebung seiner Sünden erforderlich. Daher werden die Sünden nicht durch die Letzte Ölung vergeben.
Einwand 2: Ferner gibt es bei der Sünde nicht mehr als drei Dinge: den Makel, die Strafschuld und die Überreste der Sünde. Nun tilgt die Letzte Ölung den Makel nicht ohne Zerknirschung, und diese tilgt die Sünde auch ohne die Ölung; noch erlässt sie die Strafe, denn wenn der Empfänger genesen sollte, ist er immer noch verpflichtet, die auferlegte Genugtuung zu leisten; noch nimmt sie die Überreste der Sünde hinweg, da die aus den vorangegangenen Handlungen verbleibenden Dispositionen immer noch bleiben, wie man nach der Genesung leicht sehen kann. Daher ist die Vergebung der Sünden keineswegs die Wirkung der Letzten Ölung.
Einwand 3: Ferner geschieht die Vergebung der Sünden nicht nacheinander, sondern augenblicklich. Andererseits wird die Letzte Ölung nicht auf einmal vollzogen, da mehrere Salbungen erforderlich sind. Daher ist die Vergebung der Sünden nicht ihre Wirkung.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Jakobus 5,15): „Wenn er in Sünden ist, werden sie ihm vergeben werden.“
Ferner verleiht jedes Sakrament des Neuen Gesetzes Gnade. Nun bewirkt die Gnade die Vergebung der Sünden. Da also die Letzte Ölung ein Sakrament des Neuen Gesetzes ist, ist ihre Wirkung die Vergebung der Sünden.
Ich antworte darauf, dass jedes Sakrament zum Zweck einer Hauptwirkung eingesetzt wurde, wenngleich es infolgedessen auch andere Wirkungen daneben hervorrufen mag. Und da ein Sakrament das bewirkt, was es bezeichnet, muss die Hauptwirkung eines Sakraments aus seiner Bezeichnung entnommen werden. Nun wird dieses Sakrament nach Art einer Arznei gespendet, so wie die Taufe nach Art einer Waschung gespendet wird, und der Zweck einer Arznei ist es, Krankheit zu vertreiben. Daher ist das Hauptziel der Einsetzung dieses Sakraments, die Krankheit der Sünde zu heilen. Deshalb ist die Letzte Ölung, so wie die Taufe eine geistliche Wiedergeburt und die Buße eine geistliche Auferstehung ist, eine geistliche Heilung oder Genesung. Nun setzt eine körperliche Heilung körperliches Leben in demjenigen voraus, der geheilt wird, und so setzt eine geistliche Heilung geistliches Leben voraus. Daher ist dieses Sakrament kein Gegenmittel gegen jene Defekte, die den Menschen des geistlichen Lebens berauben, nämlich die Erbsünde und die Todsünde, sondern es ist ein Heilmittel für solche Defekte, die den Menschen geistlich schwächen, so dass sie ihn der vollkommenen Kraft für die Akte des Lebens der Gnade oder der Herrlichkeit berauben; welche Defekte in nichts anderem bestehen als in einer gewissen Schwäche und Untauglichkeit, die in uns das Ergebnis der tatsächlichen oder der Erbsünde sind, gegen welche Schwäche der Mensch durch dieses Sakrament gestärkt wird. Da jedoch diese Stärke durch die Gnade gegeben wird, die mit der Sünde unvereinbar ist, folgt daraus, dass sie, wenn sie irgendeine Sünde vorfindet, sei es eine Todsünde oder eine lässliche Sünde, diese entfernt, was die Schuld betrifft, vorausgesetzt, es liegt kein Hindernis seitens des Empfängers vor; so wie wir es in Bezug auf die Eucharistie und die Firmung dargelegt haben (TP, Frage [73], Artikel [7]; TP, Frage [79], Artikel [3]). Daher spricht auch Jakobus von der Vergebung der Sünde als bedingt, denn er sagt: „Wenn er in Sünden ist, werden sie ihm vergeben werden“, nämlich was die Schuld betrifft. Denn sie tilgt die Sünde nicht immer, da sie nicht immer eine vorfindet: aber sie vergibt immer in Bezug auf die besagte Schwäche, die manche die Überreste der Sünde nennen. Einige behaupten jedoch, dass sie hauptsächlich als Heilmittel für die lässliche Sünde eingesetzt ist, die in diesem Leben nicht vollkommen geheilt werden kann: weshalb das Sakrament der Sterbenden speziell gegen die lässliche Sünde verordnet sei. Aber dies scheint nicht wahr zu sein, da auch die Buße lässliche Sünden während dieses Lebens hinsichtlich ihrer Schuld hinreichend tilgt, und dass wir sie nach der Buße nicht vermeiden können, hebt die Wirkung der vorherigen Buße nicht auf; zudem ist dies Teil der oben erwähnten Schwäche.
Folglich müssen wir sagen, dass die Hauptwirkung dieses Sakraments die Vergebung der Sünde ist, hinsichtlich ihrer Überreste, und folglich auch hinsichtlich ihrer Schuld, wenn es sie vorfindet.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Hauptwirkung eines Sakraments erlangt werden kann, ohne dieses Sakrament tatsächlich zu empfangen (entweder ganz ohne Sakrament oder indirekt durch ein anderes Sakrament), kann sie doch niemals ohne den Vorsatz erlangt werden, jenes Sakrament zu empfangen. Und da die Buße hauptsächlich gegen die tatsächliche Sünde eingesetzt wurde, schließt dies, welches andere Sakrament auch immer die Sünde indirekt tilgen mag, die Notwendigkeit der Buße nicht aus.
Antwort auf Einwand 2: Die Letzte Ölung vergibt die Sünde in gewisser Weise hinsichtlich jener drei Dinge. Denn obwohl der Makel der Sünde nicht ohne Zerknirschung abgewaschen wird, macht dieses Sakrament durch die Gnade, die es verleiht, die Bewegung des freien Willens zur Sünde hin zu einer der Zerknirschung, so wie es bei der Eucharistie und der Firmung geschehen kann. Wiederum vermindert es die zeitliche Strafschuld; und dies indirekt, insofern es die Schwäche nimmt, denn ein starker Mensch erträgt dieselbe Strafe leichter als ein schwacher Mensch. Daher folgt nicht, dass das Maß der Genugtuung vermindert wird. Was die Überreste der Sünde betrifft, so bedeuten sie hier nicht jene Dispositionen, die aus Handlungen resultieren und sozusagen angehende Gewohnheiten sind, sondern eine gewisse geistliche Schwäche im Gemüt; wenn diese Schwäche entfernt ist, ist das Gemüt, auch wenn derartige Gewohnheiten oder Dispositionen bleiben, nicht so leicht zur Sünde geneigt.
Antwort auf Einwand 3: Wenn viele Handlungen auf eine Wirkung hingeordnet sind, ist die letzte formal in Bezug auf alle anderen, die vorausgehen, und wirkt kraft ihrer: weshalb durch die letzte Salbung Gnade eingegossen wird, die dem Sakrament seine Wirkung verleiht.