Suppl., q. 3 a. 3
Ob der Schmerz für eine Sünde größer sein sollte als für eine andere?
Quaestio 3 · Vom Grad der Reue
Einwand 1: Es scheint, dass der Schmerz für eine Sünde nicht größer sein muss als für eine andere. Denn Hieronymus (Ep. cviii) lobt Paula dafür, dass „sie ihre geringsten Sünden so sehr beklagte wie große“. Daher muss man für eine Sünde nicht mehr Schmerz empfinden als für eine andere.
Einwand 2: Ferner ist die Bewegung der Reue augenblicklich. Nun kann eine augenblickliche Bewegung nicht zur gleichen Zeit intensiver und schwächer sein. Daher muss die Reue für eine Sünde nicht größer sein als für eine andere.
Einwand 3: Ferner bezieht sich die Reue auf die Sünde hauptsächlich als Abwendung von Gott. Aber alle Todsünden stimmen darin überein, uns von Gott abzuwenden, da sie uns alle der Gnade berauben, durch die die Seele mit Gott vereint ist. Daher sollten wir für alle Todsünden gleiche Reue haben.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Dtn 25,2): „Nach dem Maß der Sünde soll auch das Maß der Schläge sein.“ Nun werden in der Reue die Schläge nach den Sünden bemessen, weil mit der Reue der Vorsatz verbunden ist, Genugtuung zu leisten. Daher sollte die Reue für eine Sünde größer sein als für eine andere.
Ferner sollte der Mensch über das reuig sein, was er hätte vermeiden sollen. Aber er hätte eine Sünde mehr vermeiden sollen als eine andere, wenn jene Sünde schwerwiegender ist und es notwendig ist, das eine oder das andere zu tun. Daher sollte er auf gleiche Weise über die eine, nämlich die schwerwiegendere, mehr Schmerz empfinden als über die andere.
Ich antworte darauf, dass wir von der Reue auf zwei Weisen sprechen können: Erstens, insofern sie jeder einzelnen Sünde entspricht, und so sollte ein Mensch hinsichtlich des Schmerzes im höheren Begehrungsvermögen über eine schwerere Sünde mehr Schmerz empfinden, weil es mehr Grund zum Schmerz gibt, nämlich die Beleidigung Gottes, in einer solchen Sünde als in einer anderen, da der Akt Gott umso mehr beleidigt, je ungeordneter er ist. In gleicher Weise, da die größere Sünde eine größere Strafe verdient, sollte auch der Schmerz des sinnlichen Teils, insofern er freiwillig für die Sünde als deren Strafe auf sich genommen wird, dort größer sein, wo die Sünde größer ist. Aber insofern die Regungen des niederen Begehrungsvermögens aus dem Eindruck des höheren Begehrungsvermögens resultieren, hängt der Grad des Schmerzes von der Disposition des niederen Vermögens für den Empfang von Eindrücken vom höheren Vermögen ab und nicht von der Größe der Sünde.
Zweitens kann die Reue insofern genommen werden, als sie auf alle eigenen Sünden zusammen gerichtet ist, wie im Akt der Rechtfertigung. Eine solche Reue entsteht entweder aus der Betrachtung jeder einzelnen Sünde, und so bleibt, obwohl es nur ein Akt ist, die Unterscheidung der Sünden virtuell darin; oder sie schließt zumindest den Vorsatz ein, an jede Sünde zu denken; und auch auf diese Weise ist sie habituell mehr für die eine als für die andere.
Zu Einwand 1: Paula wird nicht dafür gelobt, dass sie alle ihre Sünden gleichermaßen beklagte, sondern weil sie über ihre leichten Sünden so sehr trauerte, als wären es schwere Sünden, im Vergleich zu anderen Personen, die über ihre Sünden trauern: aber über schwerere Sünden hätte sie noch viel mehr getrauert.
Zu Einwand 2: In jener augenblicklichen Bewegung der Reue ist es zwar nicht möglich, eine aktuell unterschiedene Intensität in Bezug auf jede einzelne Sünde zu finden, doch findet sie sich auf die oben erklärte Weise; und auch auf eine andere Weise, insofern in dieser allgemeinen Reue jede einzelne Sünde auf jenes besondere Motiv des Schmerzes bezogen ist, das dem Reuigen in den Sinn kommt, nämlich die Beleidigung Gottes. Denn wer ein Ganzes liebt, liebt seine Teile potentiell, wenn auch nicht aktuell, und dementsprechend liebt er einige Teile mehr und einige weniger, im Verhältnis zu ihrer Beziehung zum Ganzen; so liebt derjenige, der eine Gemeinschaft liebt, virtuell jeden einzelnen mehr oder weniger gemäß ihren jeweiligen Beziehungen zum Gemeinwohl. In gleicher Weise trauert derjenige, der Schmerz darüber empfindet, Gott beleidigt zu haben, implizit auf unterschiedliche Weise über seine verschiedenen Sünden, je nachdem, wie er durch sie Gott mehr oder weniger beleidigt hat.
Zu Einwand 3: Obwohl jede Todsünde uns von Gott abwendet und uns Seiner Gnade beraubt, entfernen uns doch einige weiter als andere, insofern sie durch ihre Unordnung mehr aus der Harmonie mit der Ordnung der göttlichen Güte geraten als andere.