Suppl., q. 3 a. 2
Ob der Schmerz der Reue zu groß sein kann?
Quaestio 3 · Vom Grad der Reue
Einwand 1: Es scheint, dass der Schmerz der Reue nicht zu groß sein kann. Denn kein Schmerz kann unmäßiger sein als jener, der sein eigenes Subjekt zerstört. Aber der Schmerz der Reue, wenn er so groß ist, dass er den Tod oder den Verfall des Körpers verursacht, ist lobenswert. Denn Anselm sagt (Orat. lii): „Wäre doch die Fülle meiner innersten Seele so groß, dass sie das Mark meines Körpers austrocknete“; und Augustinus bekennt, dass „er verdient, seine Augen mit Tränen zu blenden“. Daher kann der Schmerz der Reue nicht zu groß sein.
Einwand 2: Ferner resultiert der Schmerz der Reue aus der Liebe der Caritas. Aber die Liebe der Caritas kann nicht zu groß sein. Daher kann auch der Schmerz der Reue nicht zu groß sein.
Einwand 3: Dagegen spricht: Jede moralische Tugend wird durch Übermaß und Mangel zerstört. Aber die Reue ist ein Akt einer moralischen Tugend, nämlich der Buße, da sie ein Teil der Gerechtigkeit ist. Daher kann der Schmerz über Sünden zu groß sein.
Ich antworte darauf, dass die Reue hinsichtlich des Schmerzes in der Vernunft, d. h. des Missfallens, wodurch die Sünde missfällt, weil sie eine Beleidigung Gottes ist, nicht zu groß sein kann; ebenso wie auch die Liebe der Caritas nicht zu groß sein kann, denn wenn diese zunimmt, nimmt auch das besagte Missfallen zu. Aber hinsichtlich des sinnlichen Schmerzes kann die Reue zu groß sein, ebenso wie die äußere Kasteiung des Körpers zu groß sein kann. In all diesen Dingen sollte die Regel die Bewahrung des Subjekts und jenes allgemeinen Wohlbefindens sein, das für die Erfüllung der eigenen Pflichten ausreicht; daher steht geschrieben (Röm 12,1): „Euer Opfer sei vernünftig.“
Zu Einwand 1: Anselm wünschte, dass das Mark seines Körpers durch die Fülle seiner Andacht ausgetrocknet würde, nicht hinsichtlich der natürlichen Feuchtigkeit, sondern hinsichtlich seiner körperlichen Begierden und Lüste. Und obwohl Augustinus anerkannte, dass er verdiente, den Gebrauch seiner körperlichen Augen wegen seiner Sünden zu verlieren, weil jeder Sünder nicht nur den ewigen, sondern auch den zeitlichen Tod verdient, wünschte er doch nicht, dass seine Augen geblendet würden.
Zu Einwand 2: Dieser Einwand betrachtet den Schmerz, der in der Vernunft ist: während der dritte den Schmerz des sinnlichen Teils betrachtet.