Suppl., q. 17 a. 1
Ob es in der Kirche Schlüssel geben muss?
Quaestio 17 · Von der Schlüsselgewalt
Einwand 1: Es scheint, dass Schlüssel in der Kirche nicht notwendig sind. Denn es bedarf keiner Schlüssel, damit jemand ein Haus betritt, dessen Tür offen ist. Aber es steht geschrieben (Offb 4,1): "Ich sah, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel", welche Tür Christus ist, denn Er sagte von sich selbst (Joh 10,7): "Ich bin die Tür." Daher braucht die Kirche keine Schlüssel für den Eingang in den Himmel.
Einwand 2: Ferner ist ein Schlüssel zum Öffnen und Schließen nötig. Dies aber kommt Christus allein zu, "der öffnet, und niemand schließt, der schließt, und niemand öffnet" (Offb 3,7). Daher hat die Kirche keine Schlüssel in den Händen ihrer Diener.
Einwand 3: Ferner wird die Hölle demjenigen geöffnet, dem der Himmel verschlossen wird, und umgekehrt. Wer also die Schlüssel des Himmels hat, hat die Schlüssel der Hölle. Aber von der Kirche wird nicht gesagt, dass sie die Schlüssel der Hölle habe. Daher hat sie auch nicht die Schlüssel des Himmels.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 16,19): "Dir will ich die Schlüssel des Himmelreichs geben."
Ferner sollte jeder Ausspender die Schlüssel zu den Dingen haben, die er austeilt. Die Diener der Kirche aber sind die Ausspender der göttlichen Geheimnisse, wie aus 1 Kor 4,1 hervorgeht. Also müssen sie die Schlüssel haben.
Ich antworte darauf, dass in materiellen Dingen ein Schlüssel ein Werkzeug zum Öffnen einer Tür ist. Nun ist uns die Tür des Reiches durch die Sünde verschlossen, sowohl was den Makel als auch was die Strafschuld betrifft. Daher wird die Macht, dieses Hindernis zu beseitigen, Schlüssel genannt. Nun ist diese Macht in der göttlichen Dreifaltigkeit durch Autorität; daher sagen einige, dass Gott den Schlüssel der "Autorität" hat. Christus als Mensch aber hatte die Macht, das genannte Hindernis durch das Verdienst seines Leidens zu beseitigen, welches auch die Tür öffnen soll; daher sagen einige, dass Er die Schlüssel der "Vortrefflichkeit" hat. Und da "die Sakramente, aus denen die Kirche erbaut ist, aus der Seite Christi flossen, während Er am Kreuz schlief" [Augustinus, Enarr. in Ps. 138], verbleibt die Wirksamkeit des Leidens in den Sakramenten der Kirche. Daher wird eine gewisse Macht zur Beseitigung des besagten Hindernisses den Dienern der Kirche verliehen, die die Ausspender der Sakramente sind, nicht aus eigener, sondern aus göttlicher Kraft und durch das Leiden Christi. Diese Macht wird metaphorisch der Schlüssel der Kirche genannt und ist der Schlüssel des "Dienstes".
Antwort auf Einwand 1: Die Tür des Himmels, an sich betrachtet, ist immer offen, aber sie wird für jemanden als verschlossen bezeichnet aufgrund eines Hindernisses gegen das Eintreten, das in ihm selbst liegt. Das Hindernis, das die gesamte menschliche Natur von der Sünde des ersten Menschen geerbt hatte, wurde durch das Leiden Christi beseitigt; daher sah Johannes nach dem Leiden eine geöffnete Tür im Himmel. Dennoch bleibt jene Tür für diesen oder jenen Menschen verschlossen aufgrund der Erbsünde, die er sich zugezogen, oder der aktuellen Sünde, die er begangen hat: daher brauchen wir die Sakramente und die Schlüssel der Kirche.
Antwort auf Einwand 2: Dies bezieht sich auf sein Verschließen des Limbus, damit fortan niemand mehr dorthin gehe, und auf sein Öffnen des Paradieses, nachdem das Hindernis der Natur durch sein Leiden beseitigt war.
Antwort auf Einwand 3: Der Schlüssel, durch den die Hölle geöffnet und geschlossen wird, ist die Macht, Gnade zu verleihen, wodurch die Hölle dem Menschen geöffnet wird, sodass er aus der Sünde, die die Tür der Hölle ist, herausgenommen wird, und geschlossen wird, sodass der Mensch durch die Hilfe der Gnade nicht mehr in die Sünde fällt. Nun kommt die Macht, Gnade zu verleihen, Gott allein zu, weshalb Er diesen Schlüssel für sich behielt. Aber der Schlüssel des Reiches ist auch die Macht, die Schuld der zeitlichen Strafe zu erlassen, welche Schuld den Menschen daran hindert, in das Reich einzutreten. Folglich kann der Schlüssel des Reiches dem Menschen eher gegeben werden als der Schlüssel der Hölle, denn sie sind nicht dasselbe, wie aus dem Gesagten klar ist. Denn ein Mensch kann durch den Erlass der Schuld der ewigen Strafe von der Hölle befreit werden, ohne sogleich zum Reich zugelassen zu werden, weil er noch eine Schuld zeitlicher Strafe schuldet.
Man kann auch antworten, wie einige behaupten, dass der Schlüssel des Himmels auch der Schlüssel der Hölle ist, da, wenn der eine einem Menschen geöffnet wird, der andere aus eben diesem Grund für ihn geschlossen wird; er erhält seinen Namen aber von dem besseren der beiden.