Suppl., q. 15 a. 3
Ob die Werke der Genugtuung passend aufgezählt werden?
Quaestio 15 · Von den Mitteln der Genugtuung
Einwand 1: Es scheint, dass die Werke der Genugtuung unpassend aufgezählt werden, indem gesagt wird, dass es drei gibt, nämlich Almosen, Fasten und Gebet. Denn ein Werk der Genugtuung sollte strafweise sein. Das Gebet aber ist nicht strafweise, da es ein Heilmittel gegen strafweisen Kummer und eine Quelle der Freude ist, weshalb geschrieben steht (Jak 5,13): „Ist einer von euch traurig? Er soll beten. Ist er frohen Mutes? Er soll singen.“ Daher sollte das Gebet nicht unter die Werke der Genugtuung gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner ist jede Sünde entweder fleischlich oder geistig. Nun sagt Hieronymus zu Mk 9,28: „Diese Art“ von Dämonen „kann durch nichts ausfahren außer durch Gebet und Fasten: Krankheiten des Leibes werden durch Fasten geheilt, Krankheiten des Geistes durch Gebet.“ Daher ist kein anderes Werk der Genugtuung notwendig.
Einwand 3: Ferner ist Genugtuung notwendig, damit wir von unseren Sünden gereinigt werden. Aber das Almosengeben reinigt von allen Sünden, gemäß Lk 11,41: „Gebt Almosen, und siehe, alles ist euch rein.“ Daher sind die anderen beiden überflüssig.
Einwand 4: Andererseits scheint es, dass es mehr geben sollte. Denn das Gegenteil heilt das Gegenteil. Es gibt aber viel mehr als drei Arten von Sünde. Daher sollten mehr Werke der Genugtuung aufgezählt werden.
Einwand 5: Ferner werden auch Wallfahrten und Geißelungen als Werke der Genugtuung auferlegt und sind unter den oben genannten nicht enthalten. Daher sind sie nicht ausreichend aufgezählt.
Ich antworte darauf, dass die Genugtuung von solcher Art sein sollte, dass sie etwas beinhaltet, das uns zur Ehre Gottes entzogen wird. Nun haben wir nur drei Arten von Gütern: leibliche, geistige und Glücksgüter oder äußere Güter. Durch Almosen entziehen wir uns einiger Glücksgüter, und durch Fasten beschneiden wir Güter des Leibes. Was die Güter der Seele betrifft, so besteht keine Notwendigkeit, uns ihrer ganz oder teilweise zu berauben, da wir dadurch Gott wohlgefällig werden, sondern wir sollten sie gänzlich Gott unterwerfen, was durch das Gebet geschieht.
Diese Zahl erweist sich insofern als passend, als die Genugtuung die Ursachen der Sünde ausrottet, denn diese werden als drei gerechnet (1 Joh 2,16), nämlich „Begierde des Fleisches“, „Begierde der Augen“ und „Hoffart des Lebens“. Das Fasten richtet sich gegen die Begierde des „Fleisches“, das Almosen gegen die Begierde der „Augen“ und das „Gebet“ gegen die „Hoffart des Lebens“, wie Augustinus sagt (Enarr. in Ps. 42).
Diese Zahl erweist sich auch insofern als passend, als die Genugtuung den Einflüsterungen der Sünde keinen Weg öffnet, weil jede Sünde entweder gegen Gott begangen wird, und dies wird durch das „Gebet“ verhindert, oder gegen unseren Nächsten, und dies wird durch „Almosen“ geheilt, oder gegen uns selbst, und dem wird durch „Fasten“ vorgebeugt.
Antwort auf Einwand 1: Nach einigen ist das Gebet zweifach. Es gibt das Gebet der Kontemplativen, deren „Wandel im Himmel ist“: und dieses ist, da es gänzlich wonnevoll ist, kein Werk der Genugtuung. Das andere ist ein Gebet, das Seufzer für die Sünde ausstößt; dieses ist strafweise und ein Teil der Genugtuung.
Es kann auch geantwortet werden, und besser, dass jedes Gebet den Charakter der Genugtuung hat, denn obwohl es für die Seele süß ist, ist es für den Leib schmerzhaft, da, wie Gregor sagt (Super Ezech., Hom. xiv), „zweifellos, wenn die Liebe unserer Seele gestärkt wird, die Kraft unseres Leibes geschwächt wird“; daher lesen wir (Gen 32,25), dass die Sehne von Jakobs Hüfte durch seinen Ringkampf mit dem Engel schrumpfte.
Antwort auf Einwand 2: Die fleischliche Sünde ist zweifach; eine, die in fleischlicher Ergötzung vollendet wird, wie Völlerei und Unzucht, und eine andere, die in Dingen vollendet wird, die sich auf das Fleisch beziehen, obwohl sie eher in der Ergötzung der Seele als des Fleisches vollendet wird, wie die Habsucht. Daher stehen solche Sünden zwischen geistigen und fleischlichen Sünden, so dass sie eine ihnen eigene Genugtuung benötigen, nämlich Almosen.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl jedes dieser drei durch eine Art Ähnlichkeit einer bestimmten Art von Sünde zugeordnet wird, weil es vernünftig ist, dass worin ein Mensch sündigt, er darin auch bestraft werden soll, und dass die Genugtuung die Wurzel der begangenen Sünde selbst herausschneiden soll, so kann doch jedes von ihnen für jede Art von Sünde Genugtuung leisten. Wenn daher ein Mensch unfähig ist, eines der oben genannten Werke zu verrichten, wird ihm ein anderes auferlegt, hauptsächlich Almosen, die an die Stelle der anderen treten können, insofern ein Mensch in jenen, denen er Almosen gibt, dadurch andere Werke der Genugtuung erkauft. Folglich, selbst wenn das Almosengeben alle Sünden abwäscht, folgt daraus nicht, dass andere Werke überflüssig sind.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl es viele Arten von Sünden gibt, werden alle auf jene drei Wurzeln oder auf jene drei Arten von Sünde zurückgeführt, denen, wie wir gesagt haben, die genannten Werke der Genugtuung entsprechen.
Antwort auf Einwand 5: Alles, was sich auf die Kasteiung des Leibes bezieht, wird dem Fasten zugeordnet, und alles, was zum Nutzen des Nächsten aufgewendet wird, ist eine Art Almosen, und jeder Akt der Verehrung, der Gott dargebracht wird, wird zu einer Art Gebet, so dass sogar ein einziges Werk auf mehrere Weisen genugtuend sein kann.