II-II, q. 97 a. 3
Ob die Versuchung Gottes der Tugend der Religion entgegengesetzt ist?
Quaestio 97 · Von der Versuchung Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die Versuchung Gottes nicht der Tugend der Religion entgegengesetzt ist. Die Versuchung Gottes ist sündhaft, weil ein Mensch an Gott zweifelt, wie oben gesagt (Artikel 2). Nun fällt der Zweifel an Gott unter den Begriff des Unglaubens, welcher dem Glauben entgegengesetzt ist. Daher ist die Versuchung Gottes eher dem Glauben als der Religion entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Sir 18,23): „Bevor du betest, bereite deine Seele, und sei nicht wie ein Mensch, der Gott versucht. Ein solcher Mensch“, das heißt, der Gott versucht, sagt die Interlinearglosse, „betet um das, was Gott ihn zu beten lehrte, tut aber nicht, was Gott ihm zu tun befohlen hat.“ Nun gehört dies zur Unklugheit, die der Hoffnung entgegengesetzt ist. Daher scheint es, dass die Versuchung Gottes eine Sünde ist, die der Hoffnung entgegengesetzt ist.
Einwand 3: Ferner sagt eine Glosse zu Ps 77,18 („Und sie versuchten Gott in ihren Herzen“), dass „Gott versuchen heißt, trügerisch zu Ihm zu beten, mit Einfalt in unseren Worten und Bosheit in unseren Herzen.“ Nun ist Betrug der Tugend der Wahrheit entgegengesetzt. Daher ist die Versuchung Gottes nicht der Religion, sondern der Wahrheit entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass gemäß der oben zitierten Glosse „Gott versuchen heißt, ungeordnet zu Ihm zu beten.“ Nun ist es ein Akt der Religion, geziemend zu Gott zu beten, wie oben gesagt (Frage 83, Artikel 15). Daher ist Gott zu versuchen eine Sünde, die der Religion entgegengesetzt ist.
Ich antworte darauf, dass, wie oben klar gezeigt wurde (Frage 81, Artikel 5), das Ziel der Religion ist, Gott Ehrfurcht zu erweisen. Weshalb alles, was direkt zur Respektlosigkeit gegenüber Gott gehört, der Religion entgegengesetzt ist. Nun ist es offensichtlich, dass jemanden zu versuchen zur Respektlosigkeit ihm gegenüber gehört: da niemand sich anmaßt, jemanden zu versuchen, dessen Vorzüglichkeit er sicher ist. Daher ist es offenkundig, dass Gott zu versuchen eine Sünde ist, die der Religion entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt (Frage 81, Artikel 7), gehört es zur Religion, seinen Glauben durch gewisse Zeichen zu erklären, die auf Ehrfurcht gegenüber Gott hinweisen. Folglich gehört es zur Irreligiosität, dass ein Mensch durch zweifelhaften Glauben Dinge tut, die auf Respektlosigkeit gegenüber Gott hinweisen. Gott zu versuchen ist eines dieser Dinge; weshalb es eine Art der Irreligiosität ist.
Antwort auf Einwand 2: Wer seine Seele vor dem Gebet nicht vorbereitet, indem er denen vergibt, gegen die er etwas hat, oder sich auf andere Weise zur Andacht disponiert, tut nicht, was er kann, um von Gott erhört zu werden, weshalb er Gott gleichsam stillschweigend versucht. Und obwohl diese stillschweigende Versuchung aus Anmaßung oder Unbedachtsamkeit zu entstehen scheint, impliziert doch die bloße Tatsache, dass ein Mensch sich in Angelegenheiten, die sich auf Gott beziehen, anmaßend und ohne die gebührende Sorgfalt verhält, Respektlosigkeit Ihm gegenüber. Denn es steht geschrieben (1 Petr 5,6): „Demütigt euch ... unter die mächtige Hand Gottes“, und (2 Tim 2,15): „Bemühe dich darum, dich Gott als bewährt zu erweisen.“ Daher ist auch diese Art der Versuchung eine Spezies der Irreligiosität.
Antwort auf Einwand 3: Ein Mensch wird als trügerisch betend bezeichnet, nicht in Bezug auf Gott, der die Geheimnisse des Herzens kennt, sondern in Bezug auf den Menschen. Weshalb Betrug akzidentell zur Versuchung Gottes hinzukommt, und folglich folgt daraus nicht, dass Gott zu versuchen direkt der Wahrheit entgegengesetzt ist.