II-II, q. 94 a. 3
Ob der Götzendienst die schwerste der Sünden ist?
Quaestio 94 · Vom Götzendienst
Einwand 1: Es scheint, dass der Götzendienst nicht die schwerste der Sünden ist. Das Schlimmste ist dem Besten entgegengesetzt (Ethic. viii, 10). Aber der innere Kult, der aus Glaube, Hoffnung und Liebe besteht, ist besser als der äußere Kult. Deshalb sind Unglaube, Verzweiflung und Hass gegen Gott, die dem inneren Kult entgegengesetzt sind, schwerere Sünden als der Götzendienst, der dem äußeren Kult entgegengesetzt ist.
Einwand 2: Ferner ist eine Sünde umso schwerer, je mehr sie gegen Gott gerichtet ist. Nun handelt ein Mensch anscheinend direkter gegen Gott, indem er lästert oder den Glauben leugnet, als indem er Gottes Kult einem anderen gibt, was zum Götzendienst gehört. Deshalb sind Gotteslästerung und Leugnung des Glaubens schwerere Sünden als der Götzendienst.
Einwand 3: Ferner scheint es, dass geringere Übel mit größeren Übeln bestraft werden. Aber die Sünde des Götzendienstes wurde mit der Sünde wider die Natur bestraft, wie in Röm 1,26 gesagt wird. Deshalb ist die Sünde wider die Natur eine schwerere Sünde als der Götzendienst.
Einwand 4: Ferner sagt Augustinus (Contra Faust. xx, 5): „Weder sagen wir, dass ihr“, nämlich die Manichäer, „Heiden seid, noch eine Sekte von Heiden, sondern dass ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen habt, da ihr viele Götter verehrt: und doch seid ihr viel schlimmer als sie, denn sie verehren Dinge, die existieren, aber nicht als Götter verehrt werden sollten, während ihr Dinge verehrt, die überhaupt nicht existieren.“ Deshalb ist das Laster der häretischen Verderbtheit schwerwiegender als der Götzendienst.
Einwand 5: Ferner sagt eine Glosse des Hieronymus zu Gal 4,9 („Wie wendet ihr euch wieder den schwachen und dürftigen Elementen zu?“): „Die Befolgung des Gesetzes, der sie damals anhingen, war eine Sünde fast gleich dem Götzendienst, dem sie vor ihrer Bekehrung ergeben waren.“ Deshalb ist der Götzendienst nicht die schwerste Sünde.
Dagegen spricht eine Glosse zu dem Wort aus Lev 15,25 über die Unreinheit einer Frau, die an Blutfluss leidet: „Jede Sünde ist eine Unreinheit der Seele, besonders aber der Götzendienst.“
Ich antworte darauf, dass die Schwere einer Sünde auf zweifache Weise betrachtet werden kann. Erstens von Seiten der Sünde selbst, und so ist der Götzendienst die schwerste Sünde. Denn wie es in einem irdischen Gemeinwesen das abscheulichste Verbrechen zu sein scheint, wenn ein Mann einem anderen als dem wahren König königliche Ehre erweist, da er, soweit es ihn betrifft, die ganze Ordnung des Gemeinwesens stört, so scheint es bei Sünden, die gegen Gott begangen werden – welche in der Tat die größeren Sünden sind –, die größte von allen zu sein, wenn ein Mensch einem Geschöpf Gottes Ehre gibt, da er, soweit es ihn betrifft, einen anderen Gott in der Welt aufstellt und die göttliche Herrschaft schmälert. Zweitens kann die Schwere einer Sünde von Seiten des Sünders betrachtet werden. So wird die Sünde dessen, der wissentlich sündigt, schwerer genannt als die Sünde dessen, der aus Unwissenheit sündigt: und auf diese Weise hindert nichts daran, dass Häretiker, wenn sie wissentlich den Glauben verderben, den sie empfangen haben, schwerer sündigen als Götzendiener, die aus Unwissenheit sündigen. Außerdem können andere Sünden aufgrund größerer Verachtung seitens des Sünders schwerwiegender sein.
Antwort auf Einwand 1: Der Götzendienst setzt inneren Unglauben voraus und fügt diesem ungebührlichen Kult hinzu. Aber im Falle eines äußeren Götzendienstes ohne inneren Unglauben liegt eine zusätzliche Sünde der Falschheit vor, wie oben gesagt wurde (Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 2: Der Götzendienst schließt eine schwere Gotteslästerung ein, insofern er Gott die Einzigkeit seiner Herrschaft nimmt und den Glauben durch Taten leugnet.
Antwort auf Einwand 3: Da es zur Strafe wesentlich ist, dass sie gegen den Willen ist, muss eine Sünde, durch die eine andere Sünde bestraft wird, offenkundiger sein, damit sie den Menschen sich selbst und anderen verhasster macht; aber sie muss keine schwerere Sünde sein: und auf diese Weise ist die Sünde wider die Natur weniger schwer als die Sünde des Götzendienstes. Aber da sie offenkundiger ist, wird sie als passende Strafe für die Sünde des Götzendienstes zugewiesen, damit der Mensch, wie er durch den Götzendienst die Ordnung der göttlichen Ehre missbraucht, so durch die Sünde wider die Natur Schmach durch den Missbrauch seiner eigenen Natur erleide.
Antwort auf Einwand 4: Selbst was die Gattung der Sünde betrifft, ist die manichäische Häresie schwerwiegender als die Sünde anderer Götzendiener, weil sie der göttlichen Ehre abträglicher ist, da sie zwei Götter im Gegensatz zueinander aufstellen und viele eitle und fabelhafte Vorstellungen über Gott hegen. Anders verhält es sich mit anderen Häretikern, die ihren Glauben an einen einzigen Gott bekennen und Ihn allein verehren.
Antwort auf Einwand 5: Die Befolgung des Gesetzes während der Zeit der Gnade ist dem Götzendienst hinsichtlich der Gattung der Sünde nicht ganz gleich, aber fast gleich, weil beide Arten des verderblichen Aberglaubens sind.