II-II, q. 94 a. 2
Ob der Götzendienst eine Sünde ist?
Quaestio 94 · Vom Götzendienst
Einwand 1: Es scheint, dass der Götzendienst keine Sünde ist. Nichts ist eine Sünde, was der wahre Glaube bei der Verehrung Gottes anwendet. Nun wendet der wahre Glaube Bilder für den göttlichen Kult an: denn sowohl im Offenbarungszelt gab es Bilder der Cherubim, wie in Ex 25 berichtet wird, als auch in der Kirche sind Bilder aufgestellt, welche die Gläubigen verehren. Deshalb ist der Götzendienst, wodurch Götzen verehrt werden, keine Sünde.
Einwand 2: Ferner sollte jedem Höherstehenden Ehrfurcht erwiesen werden. Aber die Engel und die Seelen der Seligen sind unsere Höherstehenden. Deshalb wird es keine Sünde sein, ihnen Ehrfurcht durch Kult, Opfer oder dergleichen zu erweisen.
Einwand 3: Ferner sollte der höchste Gott mit einem inneren Kult geehrt werden, gemäß Joh 4,24: „Gott ... müssen sie anbeten ... im Geist und in der Wahrheit“: und Augustinus sagt (Enchiridion iii), dass „Gott durch Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt wird“. Nun kann es geschehen, dass ein Mensch Götzen äußerlich verehrt und doch innerlich nicht vom wahren Glauben abweicht. Deshalb scheint es, dass wir Götzen äußerlich verehren können, ohne den göttlichen Kult zu beeinträchtigen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ex 20,5): „Du sollst sie nicht anbeten“, d.h. äußerlich, „noch ihnen dienen“, d.h. innerlich, wie eine Glosse erklärt: und es handelt sich um geschnitzte Bilder und Bildnisse. Deshalb ist es eine Sünde, Götzen zu verehren, sei es äußerlich oder innerlich.
Ich antworte darauf, dass es in dieser Sache einen zweifachen Irrtum gab. Denn einige [*Die Platoniker] dachten, dass das Darbringen von Opfern und anderen Dingen, die zur Latrie gehören, nicht nur Gott, sondern auch den anderen Vorgenannten gebühre und an sich gut sei, da sie der Meinung waren, dass göttliche Ehre jeder überlegenen Natur erwiesen werden sollte, da sie Gott näher sei. Aber dies ist unvernünftig. Denn obwohl wir alle Höherstehenden verehren sollen, so gebührt doch nicht allen dieselbe Verehrung: und etwas Besonderes gebührt dem höchsten Gott, der alle in einzigartiger Weise übertrifft: und dies ist der Kult der Latrie.
Noch kann gesagt werden, wie einige behauptet haben, dass „diese sichtbaren Opfer in Bezug auf andere Götter passend sind, und dass dem höchsten Gott, da er besser ist als jene anderen, bessere Opfer, nämlich der Dienst eines reinen Geistes, dargebracht werden sollten“ [*Augustinus, wie unten zitiert]. Der Grund ist, dass, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei x, 19), „äußere Opfer Zeichen der inneren sind, so wie hörbare Worte Zeichen der Dinge sind. Weshalb wir, so wie wir durch Gebet und Lobpreis bezeichnende Worte an Ihn richten und Ihm in unseren Herzen die Dinge darbringen, die sie bezeichnen, so auch bei unseren Opfern erkennen müssen, dass wir ein sichtbares Opfer keinem anderen als Ihm darbringen sollen, dessen unsichtbares Opfer wir selbst in unseren Herzen sein sollen.“
Andere vertraten die Meinung, dass der äußere Kult der Latrie den Götzen erwiesen werden sollte, nicht als ob es etwas an sich Gutes oder Passendes wäre, sondern als Übereinstimmung mit der allgemeinen Gewohnheit. So zitiert Augustinus (De Civ. Dei vi, 10) Seneca mit den Worten: „Wir werden anbeten“, sagt er, „in einer Weise, dass wir uns erinnern, dass unser Kult eher der Sitte als der Wirklichkeit entspricht“: und (De Vera Relig. v) sagt Augustinus, dass „wir die Religion nicht von den Philosophen suchen dürfen, welche dieselben Dinge als heilig akzeptierten wie das Volk; und in den Schulen verschiedene und gegensätzliche Meinungen über die Natur ihrer Götter und das höchste Gut äußerten.“ Diesen Irrtum machten sich auch gewisse Häretiker [*Die Helkesaiten] zu eigen, die behaupteten, es sei nicht falsch, wenn jemand, der in Zeiten der Verfolgung ergriffen wird, Götzen äußerlich verehrt, solange er den Glauben in seinem Herzen bewahrt.
Aber dies ist offensichtlich falsch. Denn da der äußere Kult ein Zeichen des inneren Kultes ist, so ist es, wie es eine böse Lüge ist, das Gegenteil dessen zu behaupten, was man innerlich vom wahren Glauben hält, ebenso eine böse Falschheit, irgendeiner Sache äußeren Kult zu erweisen, die den Gesinnungen des eigenen Herzens zuwiderläuft. Weshalb Augustinus Seneca verurteilt (De Civ. Dei vi, 10), indem er sagt, dass „seine Götzenverehrung umso schändlicher war, als die Dinge, die er unehrlich tat, von ihm so getan wurden, dass das Volk glaubte, er handle ehrlich.“
Antwort auf Einwand 1: Weder im Offenbarungszelt oder Tempel des Alten Gesetzes, noch jetzt in der Kirche werden Bilder aufgestellt, damit ihnen der Kult der Latrie erwiesen werde, sondern zum Zwecke der Bezeichnung, damit der Glaube an die Vorzüglichkeit der Engel und Heiligen dem Geist des Menschen eingeprägt und darin bestärkt werde. Anders verhält es sich mit dem Bild Christi, dem Latrie aufgrund seiner Gottheit gebührt, wie wir im Dritten Teil, Frage [25], Artikel [3] darlegen werden.
Die Antworten auf den zweiten und dritten Einwand ergeben sich aus dem oben Gesagten.