II-II, q. 9 a. 4
Ob die dritte Seligpreisung, „Selig sind die Trauernden“ usw., der Gabe der Wissenschaft entspricht?
Quaestio 9 · Von der Gabe des Wissens
Einwand 1: Es scheint, dass die dritte Seligpreisung, „Selig sind die Trauernden“, nicht der Gabe der Wissenschaft entspricht. Denn so wie das Übel die Ursache von Trauer und Kummer ist, so ist das Gute die Ursache der Freude. Nun bringt die Wissenschaft eher das Gute ans Licht als das Übel, da letzteres durch das Gute erkannt wird: denn „die gerade Linie ist Richtschnur ihrer selbst und der krummen“ (De Anima i, 5). Daher entspricht die genannte Seligpreisung nicht passend der Gabe der Wissenschaft.
Einwand 2: Ferner ist die Betrachtung der Wahrheit ein Akt der Wissenschaft. Nun gibt es keine Trauer in der Betrachtung der Wahrheit; vielmehr gibt es Freude, da geschrieben steht (Weish 8,16): „Ihr Umgang hat keine Bitterkeit, noch ihre Gesellschaft irgendeine Langeweile, sondern Freude und Fröhlichkeit.“ Daher entspricht die genannte Seligpreisung nicht passend der Gabe der Wissenschaft.
Einwand 3: Ferner besteht die Gabe der Wissenschaft in der Spekulation, vor der Handlung. Nun entspricht ihr, insofern sie in der Spekulation besteht, keine Trauer, da „der spekulative Intellekt sich nicht mit Dingen befasst, die zu suchen oder zu meiden sind“ (De Anima iii, 9). Daher wird die genannte Seligpreisung nicht passend der Gabe der Wissenschaft zugeordnet.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Serm. Dom. in Monte iv): „Die Wissenschaft ziemt dem Trauernden, der entdeckt hat, dass er von dem Übel gemeistert wurde, das er begehrte, als wäre es gut.“
Ich antworte darauf, dass das rechte Urteil über die Geschöpfe eigentlich zur Wissenschaft gehört. Nun wird durch die Geschöpfe die Abwendung des Menschen von Gott veranlasst, gemäß Weish 14,11: „Die Geschöpfe... sind zum Abscheu geworden... und zum Strick für die Füße der Unweisen“, nämlich jener, die nicht recht über die Geschöpfe urteilen, da sie meinen, das vollkommene Gut bestehe in ihnen. Daher sündigen sie, indem sie ihr letztes Ziel in sie setzen, und verlieren das wahre Gut. Durch das Bilden eines rechten Urteils über die Geschöpfe wird sich der Mensch des Verlustes bewusst (zu dem sie der Anlass sein können), welches Urteil er durch die Gabe der Wissenschaft ausübt.
Daher wird gesagt, dass die Seligpreisung der Trauer der Gabe der Wissenschaft entspricht.
Antwort auf Einwand 1: Geschaffene Güter verursachen keine geistliche Freude, außer insofern sie auf das göttliche Gut bezogen werden, welches die eigentliche Ursache der geistlichen Freude ist. Daher entsprechen der geistliche Friede und die daraus resultierende Freude direkt der Gabe der Weisheit: Aber der Gabe der Wissenschaft entspricht an erster Stelle die Trauer über vergangene Irrtümer und in der Folge der Trost, da der Mensch durch sein rechtes Urteil die Geschöpfe auf das göttliche Gut hinordnet. Aus diesem Grund wird in dieser Seligpreisung die Trauer als das Verdienst und der daraus resultierende Trost als der Lohn dargelegt; was in diesem Leben begonnen und im kommenden Leben vollendet wird.
Antwort auf Einwand 2: Der Mensch freut sich in der Betrachtung der Wahrheit selbst; doch kann er manchmal über das Ding trauern, dessen Wahrheit er betrachtet: Auf diese Weise wird der Wissenschaft Trauer zugeschrieben.
Antwort auf Einwand 3: Der Wissenschaft entspricht keine Seligpreisung, insofern sie in der Spekulation besteht, weil die Glückseligkeit des Menschen nicht in der Betrachtung der Geschöpfe besteht, sondern in der Kontemplation Gottes. Aber die Glückseligkeit des Menschen besteht gewissermaßen im rechten Gebrauch der Geschöpfe und in der wohlgeordneten Liebe zu ihnen: und dies sage ich im Hinblick auf die Glückseligkeit eines Pilgers. Daher wird die Glückseligkeit, die sich auf die Kontemplation bezieht, nicht der Wissenschaft zugeschrieben, sondern dem Verstand und der Weisheit, welche über göttliche Dinge sind.