II-II, q. 9 a. 2
Ob die Gabe der Wissenschaft sich auf die göttlichen Dinge bezieht?
Quaestio 9 · Von der Gabe des Wissens
Einwand 1: Es scheint, dass die Gabe der Wissenschaft sich auf die göttlichen Dinge bezieht. Denn Augustinus sagt (De Trin. xiv, 1), dass „die Wissenschaft den Glauben zeugt, nährt und stärkt“. Nun bezieht sich der Glaube auf die göttlichen Dinge, weil sein Gegenstand die Erste Wahrheit ist, wie oben dargelegt (Qu. [1], Art. [1]). Also bezieht sich auch die Gabe der Wissenschaft auf die göttlichen Dinge.
Einwand 2: Ferner ist die Gabe der Wissenschaft vorzüglicher als das erworbene Wissen. Es gibt aber ein erworbenes Wissen über göttliche Dinge, zum Beispiel die Wissenschaft der Metaphysik. Umso mehr bezieht sich also die Gabe der Wissenschaft auf die göttlichen Dinge.
Einwand 3: Ferner heißt es in Röm 1,20: „Das Unsichtbare Gottes... wird an dem Gemachten als begreifbar ersehen.“ Wenn es also ein Wissen über die geschaffenen Dinge gibt, scheint es, dass es auch ein Wissen von den göttlichen Dingen gibt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. xiv, 1): „Die Erkenntnis der göttlichen Dinge mag eigentlich Weisheit genannt werden, die Erkenntnis der menschlichen Angelegenheiten aber mag eigentlich den Namen Wissenschaft erhalten.“
Ich antworte darauf, dass ein sicheres Urteil über eine Sache hauptsächlich aus ihrer Ursache gebildet wird, und so sollte die Ordnung der Urteile der Ordnung der Ursachen entsprechen. Denn so wie die erste Ursache die Ursache der zweiten ist, so muss das Urteil über die zweite Ursache durch die erste Ursache gebildet werden: Es ist aber nicht möglich, über die erste Ursache durch irgendeine andere Ursache zu urteilen; weshalb das Urteil, das durch die erste Ursache gebildet wird, das erste und vollkommenste Urteil ist.
In jenen Dingen nun, wo wir etwas Vollkommenstes finden, wird der gemeinsame Name der Gattung für jene Dinge verwendet, die hinter dem Vollkommensten zurückbleiben, und ein spezieller Name wird dem vollkommensten Ding angepasst, wie es in der Logik der Fall ist. Denn in der Gattung der konvertiblen Begriffe erhält dasjenige, das bezeichnet, „was ein Ding ist“, den speziellen Namen „Definition“, aber die konvertiblen Begriffe, die dahinter zurückbleiben, behalten den gemeinsamen Namen und werden „eigentümliche“ Begriffe (propria) genannt.
Da nun das Wort Wissenschaft Gewissheit des Urteils impliziert, wie oben gesagt (Art. [1]), hat das Wissen, wenn diese Gewissheit des Urteils von der höchsten Ursache abgeleitet ist, einen speziellen Namen, welcher Weisheit ist: Denn ein Weiser in irgendeinem Wissenszweig ist einer, der die höchste Ursache jener Art von Wissen kennt und fähig ist, über alle Angelegenheiten durch jene Ursache zu urteilen; und ein Weiser „schlechthin“ ist einer, der die Ursache kennt, die schlechthin die höchste ist, nämlich Gott. Daher wird die Erkenntnis der göttlichen Dinge „Weisheit“ genannt, während die Erkenntnis der menschlichen Dinge „Wissenschaft“ genannt wird, wobei dies der gemeinsame Name ist, der die Gewissheit des Urteils bezeichnet und jenem Urteil zugeeignet wird, das durch zweite Ursachen gebildet wird. Wenn wir also Wissenschaft auf diese Weise nehmen, ist sie eine von der Gabe der Weisheit verschiedene Gabe, so dass die Gabe der Wissenschaft nur über menschliche oder geschaffene Dinge ist.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Glaubensinhalte göttlich und ewig sind, ist doch der Glaube selbst etwas Zeitliches im Geist des Gläubigen. Daher gehört es zur Gabe der Wissenschaft, zu wissen, was man glauben soll; aber die Dinge selbst, die wir glauben, in sich selbst zu erkennen durch eine Art Vereinigung mit ihnen, gehört zur Gabe der Weisheit. Deshalb entspricht die Gabe der Weisheit mehr der Liebe (Caritas), welche den Geist des Menschen mit Gott vereint.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument nimmt Wissenschaft in der allgemeinen Bedeutung des Begriffs: Nicht auf diese Weise ist die Wissenschaft eine spezielle Gabe, sondern insofern sie auf Urteile beschränkt ist, die durch geschaffene Dinge gebildet werden.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Qu. [1], Art. [1]), betrachtet jeder erkennende Habitus formal das Mittel, durch welches die Dinge erkannt werden, und materiell die Dinge, die durch das Mittel erkannt werden. Und da das, was formal ist, von größerer Bedeutung ist, folgt daraus, dass jene Wissenschaften, die Schlussfolgerungen über physische Materie aus mathematischen Prinzipien ziehen, eher zu den mathematischen Wissenschaften gezählt werden, obwohl sie hinsichtlich ihrer Materie mehr mit den physischen Wissenschaften gemein haben; und aus diesem Grund wird in Phys. ii, 2 gesagt, dass sie der Physik ähnlicher sind. Da nun der Mensch Gott durch seine Geschöpfe erkennt, scheint dies zur „Wissenschaft“ zu gehören, der es formal zukommt, eher als zur „Weisheit“, der es materiell zukommt; und umgekehrt, wenn wir über Geschöpfe gemäß den göttlichen Dingen urteilen, gehört dies eher zur „Weisheit“ als zur „Wissenschaft“.