II-II, q. 9 a. 3
Ob die Gabe der Wissenschaft ein praktisches Wissen ist?
Quaestio 9 · Von der Gabe des Wissens
Einwand 1: Es scheint, dass die Wissenschaft, die unter den Gaben gezählt wird, ein praktisches Wissen ist. Denn Augustinus sagt (De Trin. xii, 14), dass „die Wissenschaft sich mit den Handlungen befasst, in denen wir von äußeren Dingen Gebrauch machen“. Aber das Wissen, das sich mit Handlungen befasst, ist praktisch. Also ist die Gabe der Wissenschaft praktisch.
Einwand 2: Ferner sagt Gregor (Moral. i, 32): „Die Wissenschaft ist nichts, wenn sie nicht ihren Nutzen für die Frömmigkeit hat... und die Frömmigkeit ist sehr nutzlos, wenn ihr die Unterscheidung der Wissenschaft fehlt.“ Aus dieser Autorität folgt nun, dass die Wissenschaft die Frömmigkeit lenkt. Dies kann aber nicht auf eine spekulative Wissenschaft zutreffen. Also ist die Gabe der Wissenschaft nicht spekulativ, sondern praktisch.
Einwand 3: Ferner sind die Gaben des Heiligen Geistes nur in den Gerechten, wie oben dargelegt (Qu. [9], Art. [5]). Aber spekulatives Wissen kann auch in den Ungerechten sein, gemäß Jak 4,17: „Wer... weiß, Gutes zu tun, und es nicht tut, dem ist es Sünde.“ Also ist die Gabe der Wissenschaft nicht spekulativ, sondern praktisch.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. i, 32): „Die Wissenschaft bereitet an ihrem Tag ein Festmahl, weil sie das Fasten der Unwissenheit im Geist überwindet.“ Nun wird die Unwissenheit nicht gänzlich beseitigt, außer durch beide Arten des Wissens, nämlich das spekulative und das praktische. Also ist die Gabe der Wissenschaft sowohl spekulativ als auch praktisch.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Qu. [9], Art. [8]), die Gabe der Wissenschaft, wie die Gabe des Verstandes, auf die Gewissheit des Glaubens hingeordnet ist. Nun besteht der Glaube primär und prinzipiell in der Spekulation, insofern er auf die Erste Wahrheit gegründet ist. Da aber die Erste Wahrheit auch das letzte Ziel ist, um dessentwillen unsere Werke getan werden, erstreckt sich der Glaube folglich auf die Werke, gemäß Gal 5,6: „Der Glaube..., der durch die Liebe wirksam ist.“
Die Folge ist, dass auch die Gabe der Wissenschaft primär und prinzipiell zwar die Spekulation betrifft, insofern der Mensch weiß, was er im Glauben halten soll; dennoch erstreckt sie sich sekundär auf die Werke, da wir in unseren Handlungen durch die Kenntnis der Glaubensdinge und der daraus gezogenen Schlussfolgerungen geleitet werden.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht von der Gabe der Wissenschaft, insofern sie sich auf die Werke erstreckt; denn das Handeln wird der Wissenschaft zugeschrieben, jedoch nicht das Handeln allein, noch primär: und auf diese Weise lenkt sie die Frömmigkeit.
Daher ist die Antwort auf den zweiten Einwand klar.
Antwort auf Einwand 3: Wie wir bereits (Qu. [8], Art. [5]) über die Gabe des Verstandes gesagt haben, hat nicht jeder, der versteht, die Gabe des Verstandes, sondern nur derjenige, der durch einen Habitus der Gnade versteht: Und so müssen wir in Bezug auf die Gabe der Wissenschaft beachten, dass nur jene die Gabe der Wissenschaft haben, die über Glaubens- und Handlungsfragen durch die ihnen verliehene Gnade recht urteilen, so dass sie niemals vom geraden Weg der Gerechtigkeit abirren. Dies ist das Wissen von den heiligen Dingen, gemäß Weish 10,10: „Sie führte den Gerechten... auf rechten Wegen... und gab ihm das Wissen von heiligen Dingen.“