II-II, q. 82 a. 2
Ob die Andacht ein Akt der Religion ist?
Quaestio 82 · Von der Andacht
Einwand 1: Es scheint, dass die Andacht kein Akt der Religion ist. Die Andacht besteht, wie oben gesagt (Artikel [1]), darin, sich Gott hinzugeben. Dies geschieht aber hauptsächlich durch die Liebe (Caritas), da gemäß Dionysius (Div. Nom. iv) „die göttliche Liebe Ekstase bewirkt, denn sie nimmt den Liebenden von sich selbst weg und gibt ihn dem Geliebten.“ Daher ist die Andacht eher ein Akt der Liebe als der Religion.
Einwand 2: Ferner geht die Liebe der Religion voraus; und die Andacht scheint der Liebe vorauszugehen; denn in der Schrift wird die Liebe durch Feuer dargestellt, während die Andacht durch das Fett bezeichnet wird, welches das Material des Feuers ist [Hld 8,6; Ps 62,6]. Daher ist die Andacht kein Akt der Religion.
Einwand 3: Ferner ist der Mensch durch die Religion allein auf Gott ausgerichtet, wie oben gesagt wurde (Frage [81], Artikel [1]). Die Andacht aber ist auch auf Menschen gerichtet; denn wir sprechen davon, dass Leute gewissen heiligen Männern gegenüber andächtig sind, und Untertanen werden als ihren Herren ergeben (devot) bezeichnet; so sagt Papst Leo [Serm. viii, De Pass. Dom.], dass die Juden „aus Ergebenheit gegenüber den römischen Gesetzen“ sagten: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ Daher ist die Andacht kein Akt der Religion.
Dagegen spricht: Andacht leitet sich von „devovere“ ab, wie gesagt wurde (Artikel [1]). Ein Gelübde aber ist ein Akt der Religion. Also ist auch die Andacht ein Akt der Religion.
Ich antworte darauf: Es gehört zu derselben Tugend, etwas tun zu wollen und den Willen bereit zu haben, es zu tun, weil beide Akte denselben Gegenstand haben. Aus diesem Grund sagt der Philosoph (Ethic. v, 1): „Gerechtigkeit ist das, wodurch Menschen gerechte Handlungen sowohl wollen als auch tun.“ Nun ist es offensichtlich, dass das Tun dessen, was zum Kult oder Dienst Gottes gehört, eigentlich zur Religion gehört, wie oben gesagt wurde (Frage [81]). Daher gehört es zu jener Tugend, den Willen bereit zu haben, solche Dinge zu tun, und dies heißt, andächtig zu sein. Somit ist offensichtlich, dass die Andacht ein Akt der Religion ist.
Antwort auf Einwand 1: Es gehört unmittelbar zur Liebe, dass der Mensch sich Gott hingibt, indem er Ihm durch eine Vereinigung des Geistes anhängt; aber es gehört unmittelbar zur Religion, und durch das Medium der Religion zur Liebe, welche das Prinzip der Religion ist, dass der Mensch sich Gott für gewisse Werke des göttlichen Kultes hingibt.
Antwort auf Einwand 2: Körperliches Fett wird durch die natürliche Wärme im Prozess der Verdauung erzeugt, und gleichzeitig gedeiht die natürliche Wärme gleichsam durch dieses Fett. In gleicher Weise verursacht die Liebe sowohl die Andacht (insofern die Liebe einen bereit macht, dem Freund zu dienen) als auch nährt sie sich von der Andacht. Ebenso wird jede Freundschaft durch die Übung und Betrachtung freundschaftlicher Taten bewahrt und vermehrt.
Antwort auf Einwand 3: Die Andacht zu den Heiligen Gottes, ob tot oder lebendig, endet nicht in ihnen, sondern geht auf Gott über, insofern wir Gott in seinen Dienern ehren. Aber die Ergebenheit von Untertanen gegenüber ihren zeitlichen Herren ist anderer Art, so wie der Dienst eines zeitlichen Herrn sich vom Dienst Gottes unterscheidet.