II-II, q. 82 a. 3
Ob Kontemplation oder Meditation die Ursache der Andacht ist?
Quaestio 82 · Von der Andacht
Einwand 1: Es scheint, dass Kontemplation oder Meditation nicht die Ursache der Andacht ist. Keine Ursache hindert ihre Wirkung. Aber subtile Betrachtungen über abstrakte Dinge sind oft ein Hindernis für die Andacht. Daher ist Kontemplation oder Meditation nicht die Ursache der Andacht.
Einwand 2: Ferner, wenn die Kontemplation die eigentliche und wesentliche Ursache der Andacht wäre, würden die höheren Gegenstände der Kontemplation größere Andacht erwecken. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: denn häufig werden wir zu größerer Andacht gedrängt, indem wir das Leiden Christi und andere Geheimnisse seiner Menschheit betrachten, als indem wir die Größe seiner Gottheit betrachten. Daher ist die Kontemplation nicht die eigentliche Ursache der Andacht.
Einwand 3: Ferner, wenn die Kontemplation die eigentliche Ursache der Andacht wäre, würde folgen, dass jene, die am geeignetsten für die Kontemplation sind, auch am geeignetsten für die Andacht sind. Doch ist das Gegenteil zu bemerken, denn die Andacht findet sich häufig bei einfachen Menschen und Angehörigen des weiblichen Geschlechts, denen es an Kontemplation mangelt. Daher ist die Kontemplation nicht die eigentliche Ursache der Andacht.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Ps 38,4): „In meiner Betrachtung wird ein Feuer entbrennen.“ Aber geistiges Feuer verursacht Andacht. Also ist Meditation die Ursache der Andacht.
Ich antworte darauf: Die äußere und hauptsächliche Ursache der Andacht ist Gott, von dem Ambrosius im Kommentar zu Lk 9,55 sagt: „Gott ruft, wen Er zu rufen geruht, und wen Er will, macht Er religiös: die profanen Samariter hätte Er, wenn Er so gewollt hätte, andächtig gemacht.“ Aber die innere Ursache unsererseits muss notwendigerweise Meditation oder Kontemplation sein. Denn es wurde oben gesagt (Artikel [1]), dass die Andacht ein Akt des Willens ist, dahingehend, dass der Mensch sich bereitwillig dem Dienst Gottes übergibt. Nun geht jeder Akt des Willens aus einer Überlegung hervor, da der Gegenstand des Willens ein verstandenes Gut ist. Daher sagt Augustinus (De Trin. ix, 12; xv, 23), dass „der Wille aus der Erkenntnis hervorgeht“. Folglich muss die Meditation notwendigerweise die Ursache der Andacht sein, insofern der Mensch durch die Meditation den Gedanken fasst, sich dem Dienst Gottes zu übergeben. Tatsächlich führt eine zweifache Betrachtung ihn dazu. Die eine ist die Betrachtung der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, gemäß Ps 72,28: „Es ist gut für mich, Gott anzuhängen, meine Hoffnung auf den Herrn Gott zu setzen“; und diese Betrachtung erweckt die Liebe [dilectio], welche die nächste Ursache der Andacht ist. Die andere Betrachtung ist die der eigenen Unzulänglichkeiten des Menschen, aufgrund derer er sich auf Gott stützen muss, gemäß Ps 120,1.2: „Ich habe meine Augen zu den Bergen erhoben, woher mir Hilfe kommen wird: meine Hilfe ist vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“; und diese Betrachtung schließt die Anmaßung aus, durch welche der Mensch gehindert wird, sich Gott zu unterwerfen, weil er sich auf seine eigene Kraft stützt.
Antwort auf Einwand 1: Die Betrachtung solcher Dinge, die von Natur aus geeignet sind, unsere Liebe [dilectio] zu Gott zu erwecken, verursacht Andacht; wohingegen die Betrachtung fremdartiger Dinge, die den Geist von solchen Dingen ablenken, ein Hindernis für die Andacht ist.
Antwort auf Einwand 2: Dinge, die die Gottheit betreffen, sind an sich der stärkste Anreiz zur Liebe [dilectio] und folglich zur Andacht, weil Gott im höchsten Maße liebenswert ist. Doch ist die Schwäche des menschlichen Geistes derart, dass er einer führenden Hand bedarf, nicht nur zur Erkenntnis, sondern auch zur Liebe der göttlichen Dinge mittels gewisser uns bekannter sinnlicher Objekte. Vornehmstes unter diesen ist die Menschheit Christi, gemäß den Worten der Präfation [Weihnachtspräfation]: „dass wir durch die sichtbare Erkenntnis Gottes zur Liebe der unsichtbaren Dinge hingerissen werden.“ Daher sind Dinge, die sich auf die Menschheit Christi beziehen, der wichtigste Anreiz zur Andacht, indem sie uns wie eine führende Hand dorthin leiten, obwohl die Andacht selbst Dinge, die die Gottheit betreffen, zum Gegenstand hat.
Antwort auf Einwand 3: Wissenschaft und alles andere, was zur Größe beiträgt, ist für den Menschen ein Anlass zum Selbstvertrauen, sodass er sich nicht gänzlich Gott übergibt. Das Ergebnis ist, dass derartige Dinge manchmal ein Hindernis für die Andacht darstellen; während in einfachen Seelen und Frauen die Andacht überfließt, indem sie den Stolz unterdrückt. Wenn jedoch ein Mensch seine Wissenschaft oder jede andere Vollkommenheit Gott vollkommen unterwirft, wird durch eben diese Tatsache seine Andacht vermehrt.