II-II, q. 82 a. 1
Ob die Andacht ein besonderer Akt ist?
Quaestio 82 · Von der Andacht
Einwand 1: Es scheint, dass die Andacht kein besonderer Akt ist. Dasjenige, was andere Akte bestimmt, ist anscheinend kein besonderer Akt. Nun scheint die Andacht andere Akte zu bestimmen, denn es steht geschrieben (2 Chr 29,31): „Die ganze Menge opferte Schlachtopfer und Lobopfer und Brandopfer mit andächtigem Sinn.“ Also ist die Andacht kein besonderer Akt.
Einwand 2: Ferner ist keine besondere Art von Akt verschiedenen Gattungen von Akten gemeinsam. Die Andacht aber ist verschiedenen Gattungen von Akten gemeinsam, nämlich körperlichen und geistigen Akten; denn man sagt von jemandem, er betrachte andächtig und er beuge andächtig die Knie. Also ist die Andacht kein besonderer Akt.
Einwand 3: Ferner gehört jeder besondere Akt entweder zu einer strebenden oder zu einer erkennenden Tugend oder Kraft. Die Andacht aber gehört zu keiner von beiden, wie man sehen kann, wenn man die verschiedenen Arten von Akten beider Vermögen durchgeht, wie oben aufgezählt wurde (FP, Frage [78] ff.; FS, Frage [23], Artikel [4]). Also ist die Andacht kein besonderer Akt.
Dagegen spricht: Verdienste werden durch Akte erworben, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [21], Artikel [3.4]). Die Andacht aber hat einen besonderen Grund für das Verdienst. Also ist die Andacht ein besonderer Akt.
Ich antworte darauf: Andacht (devotio) leitet sich von „geloben“ (devovere) ab; daher werden jene Personen „devot“ (andächtig) genannt, die sich Gott in gewisser Weise weihen, um sich Ihm gänzlich zu unterwerfen. Daher war in alten Zeiten bei den Heiden ein „Devotus“ jener, der seinen Göttern gelobte, den Tod für das Heil seines Heeres zu erleiden, wie Livius von den beiden Deciern berichtet (Decad. I, viii, 9; x, 28). Daher ist die Andacht anscheinend nichts anderes als der Wille, sich bereitwillig dem hinzugeben, was den Dienst Gottes betrifft. Deshalb steht geschrieben (Ex 35,20.21), dass „die Menge der Kinder Israels ... dem Herrn Erstlingsgaben darbrachte mit bereitwilligstem und andächtigem Sinn“. Nun ist es offensichtlich, dass der Wille, bereitwillig das zu tun, was den Dienst Gottes betrifft, eine besondere Art von Akt ist. Also ist die Andacht ein besonderer Akt des Willens.
Antwort auf Einwand 1: Das Bewegende schreibt dem Bewegten die Art und Weise der Bewegung vor. Nun bewegt der Wille die anderen Kräfte der Seele zu ihren Akten, und der Wille bewegt, insofern er auf das Ziel blickt, sowohl sich selbst als auch alles, was auf das Ziel hingeordnet ist, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [9], Artikel [3]). Da nun die Andacht ein Akt des Willens ist, durch den der Mensch sich für den Dienst Gottes, welcher das letzte Ziel ist, darbringt, folgt daraus, dass die Andacht den menschlichen Akten die Art und Weise vorschreibt, seien es Akte des Willens selbst über Dinge, die auf das Ziel hingeordnet sind, oder Akte der anderen Kräfte, die vom Willen bewegt werden.
Antwort auf Einwand 2: Die Andacht findet sich in verschiedenen Gattungen von Akten, nicht als eine Spezies jener Gattungen, sondern wie die Bewegung des Bewegenden virtuell in den Bewegungen der bewegten Dinge gefunden wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Andacht ist ein Akt des strebenden Teils der Seele und ist eine Bewegung des Willens, wie oben gesagt wurde.