II-II, q. 73 a. 3
Ob die üble Nachrede die schwerste aller Sünden ist, die gegen den Nächsten begangen werden?
Quaestio 73 · Von der üblen Nachrede
Einwand 1: Es scheint, dass die üble Nachrede die schwerste aller Sünden ist, die gegen den Nächsten begangen werden. Denn zu Ps 108,4, "Statt mich zu lieben, verleumdeten sie mich", sagt eine Glosse: "Jene, die Christus in seinen Gliedern herabsetzen und die Seelen künftiger Gläubiger töten, sind schuldiger als jene, die das Fleisch töteten, das bald wieder auferstehen sollte." Hieraus scheint zu folgen, dass die üble Nachrede eine um so schwerere Sünde ist als Mord, wie es eine schwerere Sache ist, die Seele zu töten, als den Körper zu töten. Nun ist Mord die schwerste der anderen Sünden, die gegen den Nächsten begangen werden. Daher ist die üble Nachrede schlechthin die schwerste von allen.
Einwand 2: Ferner ist die üble Nachrede anscheinend eine schwerere Sünde als die Schmähung, weil ein Mensch der Schmähung widerstehen kann, nicht aber einer heimlichen üblen Nachrede. Nun ist die üble Nachrede anscheinend eine schwerere Sünde als Ehebruch, weil Ehebruch zwei Personen in einem Fleisch vereint, wohingegen die Schmähung jene gänzlich trennt, die vereint waren. Daher ist die üble Nachrede schwerwiegender als Ehebruch: und doch ist Ehebruch von allen anderen Sünden, die ein Mensch gegen seinen Nächsten begeht, die schwerste.
Einwand 3: Ferner entspringt die Schmähung dem Zorn, während die üble Nachrede dem Neid entspringt, gemäß Gregor (Moral. xxxi, 45). Aber Neid ist eine schwerere Sünde als Zorn. Daher ist die üble Nachrede eine schwerere Sünde als die Schmähung; und so folgt dieselbe Schlussfolgerung wie zuvor.
Einwand 4: Ferner wird die Schwere einer Sünde an der Schwere des Mangels gemessen, den sie verursacht. Nun verursacht die üble Nachrede einen höchst schwerwiegenden Mangel, nämlich Blindheit des Geistes. Denn Gregor sagt (Regist. xi, Ep. 2): "Was tun die üblen Nachredner anderes, als dass sie auf den Staub blasen und den Schmutz in ihre Augen wirbeln, so dass sie, je mehr sie Verleumdung atmen, desto weniger von der Wahrheit sehen?" Daher ist die üble Nachrede die schwerwiegendste Sünde, die gegen den Nächsten begangen wird.
Dagegen spricht: Es ist schwerwiegender, durch die Tat zu sündigen als durch das Wort. Aber die üble Nachrede ist eine Sünde des Wortes, während Ehebruch, Mord und Diebstahl Sünden der Tat sind. Daher ist die üble Nachrede nicht schwerer als die anderen Sünden, die gegen den Nächsten begangen werden.
Ich antworte darauf: Die wesentliche Schwere der Sünden, die gegen den Nächsten begangen werden, muss nach dem Schaden abgewogen werden, den sie ihm zufügen, da sie daher ihre sündhafte Natur ableiten. Nun ist der Schaden umso größer, je größer das weggenommene Gut ist. Und während das Gut des Menschen dreifach ist, nämlich das Gut seiner Seele, das Gut seines Körpers und das Gut der äußeren Dinge, kann ihm das Gut der Seele, welches das größte von allen ist, von einem anderen nicht genommen werden, außer als Gelegenheitsursache, zum Beispiel durch eine böse Überredung, die keine Notwendigkeit herbeiführt. Andererseits können die beiden letzteren Güter, nämlich des Körpers und der äußeren Dinge, durch Gewalt weggenommen werden. Da jedoch die Güter des Körpers die Güter der äußeren Dinge übertreffen, sind jene Sünden, die den Körper eines Menschen verletzen, schwerwiegender als jene, die seine äußeren Dinge verletzen. Folglich ist unter den anderen Sünden, die gegen den Nächsten begangen werden, der Mord die schwerwiegendste, da er den Menschen des Lebens beraubt, das er bereits besitzt: danach kommt der Ehebruch, der der rechten Ordnung der menschlichen Zeugung entgegensteht, wodurch der Mensch ins Leben tritt. An letzter Stelle kommen die äußeren Güter, unter denen der gute Ruf eines Menschen Vorrang vor dem Reichtum hat, weil er den geistigen Gütern verwandter ist, weshalb geschrieben steht (Spr 22,1): "Ein guter Ruf ist besser als großer Reichtum." Daher ist die üble Nachrede ihrer Gattung nach eine schwerere Sünde als der Diebstahl, aber weniger schwer als Mord oder Ehebruch. Dennoch kann die Reihenfolge aufgrund erschwerender oder mildernder Umstände abweichen.
Die akzidentelle Schwere einer Sünde ist in Bezug auf den Sünder zu betrachten, der schwerer sündigt, wenn er vorsätzlich sündigt, als wenn er aus Schwäche oder Unachtsamkeit sündigt. In dieser Hinsicht haben Sünden des Wortes eine gewisse Leichtigkeit, insofern sie dazu neigen, durch einen Zungenrutscher und ohne viel Vorbedacht aufzutreten.
Antwort auf Einwand 1: Jene, die Christus herabsetzen, indem sie den Glauben seiner Glieder behindern, verunglimpfen seine Gottheit, die das Fundament unseres Glaubens ist. Daher ist dies keine einfache üble Nachrede, sondern Gotteslästerung.
Antwort auf Einwand 2: Die Schmähung ist eine schwerere Sünde als die üble Nachrede, insofern sie eine größere Verachtung des Nächsten impliziert: so wie Raub eine schwerere Sünde ist als Diebstahl, wie oben dargelegt (Frage [66], Artikel [9]). Doch ist die Schmähung keine schwerere Sünde als der Ehebruch. Denn die Schwere des Ehebruchs bemisst sich nicht danach, dass er eine Vereinigung von Körpern ist, sondern danach, dass er eine Unordnung in der menschlichen Zeugung ist. Zudem ist der Schmäher nicht die hinreichende Ursache für die Unfreundlichkeit in einem anderen Menschen, sondern nur die Gelegenheitsursache für die Spaltung unter jenen, die vereint waren, insofern er nämlich, indem er die Übel eines anderen erklärt, seinerseits jenen Mann von der Freundschaft anderer Menschen trennt, obwohl sie durch seine Worte nicht gezwungen sind, dies zu tun. Dementsprechend ist ein übler Nachredner ein Mörder "bei Gelegenheit", da er durch seine Worte einem anderen Menschen eine Gelegenheit gibt, seinen Nächsten zu hassen oder zu verachten. Aus diesem Grund heißt es im Brief des Clemens [*Ad Jacob. Ep. i], dass "üble Nachredner Mörder sind", d.h. bei Gelegenheit; weil "wer seinen Bruder hasst, ein Mörder ist" (1 Joh 3,15).
Antwort auf Einwand 3: Der Zorn sucht offen gerächt zu werden, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii, 2): weshalb die üble Nachrede, die im Verborgenen stattfindet, nicht die Tochter des Zorns ist, wie die Schmähung, sondern eher des Neides, der mit allen Mitteln danach strebt, den Ruhm des Nächsten zu schmälern. Daraus folgt jedoch nicht, dass die üble Nachrede schwerwiegender ist als die Schmähung: da ein geringeres Laster eine größere Sünde hervorrufen kann, so wie Zorn Mord und Gotteslästerung gebiert. Denn der Ursprung einer Sünde hängt von ihrer Hinneigung zu einem Ziel ab, d.h. von dem Ding, dem sich die Sünde zuwendet, wohingegen die Schwere einer Sünde davon abhängt, wovon sie sich abwendet.
Antwort auf Einwand 4: Da "ein Mensch sich an dem Urteil seines Mundes freut" (Spr 15,23), folgt, dass ein übler Nachredner das, was er sagt, immer mehr liebt und glaubt, und folglich seinen Nächsten immer mehr hasst, und so seine Erkenntnis der Wahrheit immer geringer wird. Diese Wirkung kann jedoch auch aus anderen Sünden resultieren, die zum Hass gegen den Nächsten gehören.